Glaubwürdig oder scheinheilig?
In den letzten Wochen drehte sich vieles um die Frage, wem man überhaupt noch trauen, wem man abnehmen kann, was er oder sie sagt - kurz darum, wie es um die Glaubwürdigkeit einzelner Personen bestellt ist und welche Konsequenzen sie zu ziehen haben, wenn diese Glaubwürdigkeit in Frage gestellt wird oder beschädigt erscheint. Oft wurde dabei, gerade gegenüber Vertretern der Kirche, der Anspruch formuliert, sie müssten mit ihrem Leben und ihrer Person abdecken, was sie sagen oder predigen. Und es ist zweifelsohne wichtig und richtig, dass in dem Moment, in dem es dabei um strafbare Handlungen geht, zeitnah, aufmerksam und sorgfältig hingeschaut, geurteilt und konsequent gehandelt wird.
In der um Aufmerksamkeit buhlenden Mediengesellschaft gibt es aber offensichtlich auch einen florierenden Markt, dessen Betreiber immer wieder herausfinden wollen, ob und wann man einzelnen Persönlichkeiten - endlich - den Vorwurf machen kann, „unglaubwürdig" oder gar „scheinheilig" zu sein.
Wie man in der vergangenen Woche lernen konnte, betrifft diese Diskussion nicht nur kirchliche Amtsträger - es soll große bunte Illustrierte in unserem Land geben, die ganze Detekteien darauf ansetzen, das Privatleben von Politikern und anderen Prominenten möglichst öffentlich werden zu lassen. Um sich dann über die alte Frage herzumachen, ob es denn „glaubwürdig" sei, wie einer oder eine sein Leben gestaltet.
Mal ganz abgesehen davon, welche z.T. unbarmherzigen Maßstäbe wir dabei gern an andere, aber ungern an uns selbst legen, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass die diagnostizierte „Scheinheiligkeit" mindestens ebenso bei denen zu finden ist, die die Diagnose stellen. Selbst in dem nett gemeinten Sätzchen „ist eben auch nur ein Mensch" schwingt ja eine gehörige Portion Erleichterung mit. Weil man nun endlich einen Anlass gefunden hat, sich vielleicht gut begründeten Anfragen und Ansprüchen entziehen zu können.
Getreu dem Motto: Wenn einer nicht in vollkommener Weise selbst lebt, was er sagt, kann er das ja auch nicht von mir verlangen und ich brauche mich auch einer Auseinandersetzung damit nicht zu stellen. Als ob eine richtige Überzeugung, ein gutes Argument, eine treffende Analyse dadurch falsch werden, dass sie jemand äußert, der selbst fehlbar und anfragbar ist. Wenn das so wäre, dann dürften nur wenige Bücher noch gelesen werden und das Schweigen in moralischen Fragen wäre dröhnend.
Wir werden wohl nicht umhin kommen, die Frage nach der Glaubwürdigkeit vor allem an uns selbst zu richten - sonst sind wir schneller als wir es merken selbst zu „Scheinheiligen" geworden.

