Achtsamkeit
Eine etwas überzogene Geschichte, die aber wahr sein könnte: Der Ehemann sitzt beim Frühstück in seine Zeitung vertieft. „Aber Horst“, ruft seine Ehefrau plötzlich, „musst du heute gar nicht ins Büro?“ – „O!“, fährt er erschreckt auf, „ich dachte die ganze Zeit, ich sei schon dort.“
Ganz schön doppelbödig diese Geschichte. Der Mann scheint nicht gerade den Super-Stress-Job zu haben, so dass er im Büro auch Zeitung lesen kann. Bedenklich erscheint mir an dieser Geschichte aber, dass der Mann seine Frau nicht mehr wahrnimmt, ja nicht einmal mehr wahrnimmt, wo er ist. Ob Arbeitsplatz oder Frühstückstisch, er nimmt seine Umwelt nicht mehr wahr.
Kenn ich auch – vom Frühstückstisch und vom Arbeitsplatz. Wenn ich in die Zeitung vertieft die Kinder nicht mehr wahrnehme, ihnen ein „guten Morgen“ zubrummele
und „viel Spaß in der Schule“.
Ich kenne es aber auch positiv, wenn ich in der Arbeit so richtig drin bin, dann kann ich schon mich und die Welt um mich herum vergessen und in das, was ich so tue, richtig einsinken. Gefährlich wird es aber, wenn ich aus diesem Zustand nur schwer rauskomme. Daddeln nenne ich das dann. Ich verdaddele mich dann, verliere mich in jedem Detail und werde immer langsamer, ineffektiver. Da ist es gut, wenn mich etwas oder jemand aus diesem verdaddelten Zustand rausholt. Genauso wichtig ist es, dass meine Frau oder meine Kinder mich immer wieder hinter der Zeitung hervorholen und meine Aufmerksamkeit, meine Achtsamkeit auf sich ziehen.
Achtsam sein heißt, die Menschen und mich selbst wahrnehmen. Achtsam sein heißt, die Menschen auch achten. Durch meine Aufmerksamkeit respektieren. Denn der Alltag ist gefährlich. So wichtig Routine ist, die Menschen um mich herum dürfen nie zur Selbstverständlichkeit werden. Nicht zum Einrichtungsgegenstand meines Lebens werden. Denn dazu sind die Menschen um mich herum zu kostbar. Alle Routine muss unterbrochen werden, damit ich weiß, wo ich bin, wer ich bin, wozu ich eigentlich da bin


