Propstei Braunschweig
24.07.10

Auf kargem Fels

Urlaub in den Alpen. Wir sind in den Dolomiten unterwegs. Vom „Russis Kreuz“ aus wollen wir den „Tullen“ besteigen, einen Berg von gut 2600 m Höhe. Zunächst geht es durch einen dichten Wald und über wunderschöne Almen mit Enzian und Edelweiß. Mir geht das Herz auf!  Doch nach und nach wird die Landschaft immer unwirtlicher, die Felsen sind kahl. Ganz oben, kurz vor dem Gipfel, müssen wir auf einem schmalen Pfad durch ein Geröllfeld. Der Berg ist wunderschön in seiner Kargheit. Aber Leben ist hier nicht mehr möglich. Meine Frau geht vor mir. Plötzlich bleibt sie stehen, dreht sich um und strahlt mich an: „Schau dir das mal an!“ Mitten im Felsen leuchtet eine kleine gelbe Blüte. Irgendwo in diesem Geröll hat sie ein Krümel Erde und einen Tropfen Wasser gefunden. Und schon beginnt das Leben. Meine Frau sagt: „Das musst du fotografieren, für den Gemeindebrief zu Ostern.“ Ich schieße eine ganze Serie von Fotos von dieser zarten Pflanze mitten in den schroffen Felsen.
Das ist wirklich ein Bild für Ostern, für den Glauben, für das Leben überhaupt. Du kannst dir die Bedingungen nicht aussuchen: Eben stehst du noch im prallen Leben, unter besten Bedingungen, alles ist gut. Doch dann bricht plötzlich die Kälte ein, Krankheit, Verzweiflung überfallen dich. Und du bist froh über jedes Fünkchen Hoffnung, über jede kleine Gabe, die deine Seele nährt. Aber selbst dann kann dein Leben wunderschön sein und auf eine Weise blühen, die du nie für möglich gehalten hättest.
Genau dafür stehen die wenigen Tropfen Wasser bei der Taufe, das kleine Stück Brot, der Schluck Wein beim Abendmahl: Das Leben meint es nicht immer gut mit dir. Aber die Kraft Gottes ist stärker und sie wächst auf kargem Fels genau so wie auf fruchtbarem Boden.
Dein Leben kann blühen - egal, wohin Gott dich gerade stellt.

Verfasser: Pastor Friedhelm Meiners, St.Martini