Propstei Braunschweig
05.01.21

Tröstliche Klänge

Glockenexperte Sebastian Wamsiedler erklärt den Sinn des Läutens

Glockenexperte Sebastian Wamsiedler. Foto: Klaus G. Kohn

Salzgitter (epd). Der Glockensachverständige Sebastian Wamsiedler ist überzeugt, dass Kirchenglocken in diesen Zeiten eine besondere Bedeutung zukommt. "Das spezielle Läuten während des ersten Corona-Lockdowns hat die Menschen getröstet und signalisiert, dass sie auch auf Distanz eine Gemeinschaft bilden", sagt er in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Wamsiedler berät als Glockensachverständiger - fachsprachlich auch als Campanologe bezeichnet - Landeskirchen, Bistümer und Denkmalämter rund um musikalische, historische und technische Glockenfragen.

Hauptaufgabe der schätzungsweise rund 120.000 vorwiegend bronzenen Kirchenglocken bundesweit sei es, die Menschen zum Gottesdienst und anderen liturgischen Anlässen einzuladen sowie Freude und Leid der Gemeinde zu verkünden, betont der im niedersächsischen Salzgitter ansässige Glockenexperte. "Die Glocke als Instrument ermöglicht, sich über weite Distanz mitzuteilen und alle Menschen einzubinden."

In Niedersachsen gibt es Wamsiedler zufolge etliche historisch und musikalisch bedeutsame Glocken. So etwa die fünf Glocken der Neuwerkkirche in Goslar, die aus der Zeit 1200 bis 1314 stammten. "Oder der Braunschweiger Dom mit seinen zwölf Glocken, von denen zehn mehr als 500 Jahre alt sind." Auch das Geläut der Marktkirche in Hannover sei besonders: "Hier hängt die tontiefste und mit mehr als elf Tonnen schwerste Glocke ganz Norddeutschlands."

In krisenhaften Zeiten wie der Corona-Pandemie könne der Klang von Kirchenglocken den Menschen helfen, indem er Trost spendet und die Gemeinschaft stärkt. "Wenn Kirchenglocken läuten, weiß ich, das haben die Menschen vor langer Zeit bereits genauso gehört." Der musikalisch aufeinander abgestimmte Klang verschiedener Glocken erzeuge zudem eine feierliche Atmosphäre und unterstütze damit liturgische Handlungen: "Glockengeläut ist faszinierend und vielschichtig."

Dabei dürften Kirchenglocken keineswegs willkürlich geläutet werden. Das Läuten folge festen Regeln, die in den Läuteordnungen der Kirchen festgeschrieben seien. Früher sei das Geläut deutlich differenzierter gewesen, sagt Wamsiedler. Man habe zum Beispiel dem Sterbegeläut entnehmen können, ob eine Frau, ein Kind oder ein Mann gestorben sei. "Die Menschen waren in der Lage, Glockenklänge genau zu deuten", erklärt er. "Dieses Wissen verblasst leider."

Julia Pennigsdorf

Verfasser: Michael Strauss