Propstei Braunschweig
28.03.20

Der Apfelbaum

Die letzten Nächte waren noch mal frostig. Morgens ist am Vogelhaus bei mir vorm Fenster wieder der Bär los. Die Stare, Spatzen und Meisen haben mächtig Hunger nach den kalten Nächten und machen richtig Alarm. Ich beobachte sie durch die Scheibe. In Windeseile haben sie das ganze Futter weg gepickt und fliegen wieder davon.
Ich schaue ihnen hinterher und beneide sie: „Die Vögel haben es gut,“ denke ich, „die sind frei. Können fliegen, wohin sie wollen. Und wir sitzen hier fest, dürfen kaum noch aus dem Haus.“
Aber halt! Ganz so ist es ja doch nicht! Meine Gedanken, meine Träume und meine Phantasie können ja auch fliegen, sogar weiter als der kleine Spatz, der sich da gerade auf den Weg macht.
Ich schließe für einen Moment die Augen.
Lasse meine Gedanken fliegen. In unserem Garten steht ein Apfelbaum. Noch ist er kahl, aber er treibt schon aus, auch wenn ich nichts davon sehe. Er lässt sich nicht aufhalten. Im Mai wird er viele wunderschöne rosa Blüten tragen. Und wer weiß, vielleicht geht es uns und dann auch schon ein wenig besser. Im September trägt er dann große, rote Äpfel, gereift in schwerer Zeit. Dann werde ich zurückdenken an diesen Frühling, an all die Sorgen, die wir uns umeinander gemacht haben. Ich werde mich aber auch dankbar erinnern an all die Menschlichkeit, die mir begegnet ist, die Hilfsbereitschaft und die vielen Menschen, die bis an den Rand ihrer Kräfte für uns da waren.
Bei all meinen Sorgen, Gott hat mir Phantasie geschenkt ich kann sie für einen Moment fliegen lassen. Ich kann mir Kraft schenken lassen für das, was in diesen schweren Zeiten zu tun ist.
 

 

Verfasser: Friedhelm Meiners, Pfarrer an St. Martini