Propstei Braunschweig
18.04.20

Mit Gott hadern

Manchmal sitze ich morgens auf meiner Fensterbank und beobachte die Tauben beim Brüten. Sie brüten an der Regenrinne. Eigentlich sollten sie das nicht tun. Aber sie haben die Drahtverspannungen einfach beiseite geschoben. Jetzt brüten sie trotz der Beschränkung und wecken mich mit ihrem Gurren beim ersten Tageslicht.
Ich kann sie gut verstehen. Wer lässt sich schon gern in der Freiheit begrenzen? Manchmal bin ich ein bisschen neidisch auf die Tauben.
Meine Welt ist kleiner geworden. Sie ist von vielen Seiten begrenzt worden. Mit immer neuen Bestimmungen, die es zu beachten gilt. Frei bewegen kann ich mich nun nicht mehr so einfach.
Und so sitze ich auf der Fensterbank und beobachte die Tauben beim Brüten. Dann hadere ich mit mir selbst und auch mit Gott: „Gott, muss das alles sein?“
Darf ich das, mit Gott hadern? Ich denke an Jakob aus dem Alten Testament. Auch er haderte mit Gott. Er kämpfte mit ihm mitten in der Nacht an einem Fluss. In der Morgendämmerung endete der Kampf. Jakob blieb verwundet. Gott veränderte ihn. Und doch: Gott wandte sich nicht ab. Er segnet ihn sogar.
Ich hoffe, dass Gott mit seinem Segen auch im Hadern und Zweifeln an meiner Seite bleibt. Ganz gleich, wie lange die Nacht noch dauert, wie sehr ich auch mit Gott hadere. Irgendwann beginnt mit dem Gurren der Tauben ein neuer Morgen. Anders als die vorherigen, aber gesegnet von Gott.

 

Verfasser: Pfarrerin Johanna Klee