Propstei Braunschweig
09.05.20

Entrümpeln

Da stehen jetzt immer diese Kartons am Gehweg. Zum Mitnehmen, steht drauf. Pappkartons voll mit Dingen, die die Leute aussortiert und entrümpelt haben. Wer mag, kann sich etwas rausnehmen. Hier rotgepunktete Kaffeetassen und ausgelesene Krimis. Dort zwei Brettspiele. Neulich hingen ein paar Hosen über dem Gartenzaun und ein gelber Regenschirm. Vieles sieht schön aus und ist noch gut zu gebrauchen. Aber manches, mit Verlaub, ist Schrott. Das kann eigentlich weg.

Ich könnte auch mal entrümpeln, denke ich, während ich so durch das Viertel spaziere. In Gedanken schaue ich mich im Keller um und ahne, da käme was zusammen. Oder den Schrank im Wohnzimmer inspizieren. Die Schubladen aufziehen. Und mich fragen: Was brauche ich? Was ist mir heilig? Und was kann eigentlich weg?
Vielleicht ist es Zeit, auch innerlich auszusortieren. In diesen Tagen wird mir besonders bewusst, was ich nicht hergeben will: Meine Lebensfreude. Zusammen lachen. Versuchen, solidarisch und rücksichtsvoll zu bleiben. Achtsam mit mir und anderen umgehen. Und mein Gottvertrauen. Das will ich mir auf jeden Fall beibehalten. Auch hätte ich nie gedacht, wie sehr ich die Normalität schätze und vermisse. Für die Zeit nach Corona weiß ich: Ich brauche Umarmungen und die Küsse meiner Lieben. Ich möchte wieder Gäste einladen. Ich brauche persönliche Kontakte und Gespräche vis-à-vis.
Es gibt auch Dinge, von denen würde ich mich gern trennen. Wie die Sorge, manchmal nicht zu genügen. Der Gedanke, immer alles richtig machen zu müssen. Oder mich selbst zu wichtig zu nehmen. Das kann gerne alles in so einen Karton und ab vor die Tür. Und das können die Spaziergänger auch getrost drin liegenlassen. Das nimmt Gott mit, wenn er vorbeikommt.

 

 

 

 

 

Verfasser: Pfarrerin Maria Schulze Krankenhausseelsorgerin im Klinikum Braunschweig