Propstei Braunschweig
19.05.20

Orgelsanierung der Hillebrand-Orgel in der St.-Andreas-Kirche

Eine Würdigung von Hans-Dieter Karras

Orgel St.-Andreas

Spieltisch

Nunmehr ist die Restaurierung der Hillebrand-Orgel (1970-72) durch den Mitteldeutschen Orgelbau A. Voigt GmbH abgeschlossen. Der Organist der St.-Andreas-Kirche, Gerhard Urbigkeit, bat mich, meine Eindrücke festzuhalten. Da ich nicht mehr Orgelsachverständiger der Braunschweigischen Landeskirche bin, kann ich kein Abnahmegutachten erstellen. Deshalb sind nachfolgende Ausführungen mein persönlicher Eindruck als Organist.
Ich kenne das Instrument seit ich in Braunschweig meinen Dienst begonnen habe. Als ich 1982 an die benachbarte Brüdernkirche-St. Ulrici berufen wurde und die dortige Orgel noch im Bau befindlich war, ermöglichte mein Kollege (der damalige Organist von St. Andreas) Rüdiger Wilhelm, in St. Andreas üben zu dürfen. Die Hillebrand-Orgel war ein typisches Kind ihrer Zeit. Neobarock disponiert und auch ebenso intoniert, war sie zwar farbreich, aber konnte den Raum nicht annähernd füllen. Den Aliquoten und Mixturen fehlte schlicht das Fundament der Grundstimmen und der tiefen Register des Pedales. Das lag an dem zu niedrigen Winddruck, den zu kleinen Aufschnitten und einem „orgelbewegten“ Verständnis von Schärfe im Klang. Ansonsten ist die Disposition für ein Instrument dieser Größe durchaus sinnvoll erstellt.
Hier hat nun insbesondere die Arbeit des Mitteldeutschen Orgelbaus A. Voigt angesetzt. Man beschäftigte sich damit, den Klang zu verbessern und rund zu machen. Dazu wurde der Winddruck im Pedal erhöht und sämtliche Register dazu angepasst und neu intoniert. Nun ist man doch wirklich überrascht, wie volltönend, rund und warm der Klang sowohl im Tutti, wie auch in den Plena und den Einzelstimmen geworden ist. Das Pedal füllt endlich den Raum, bringt sonoren Ton und schafft damit die Grundlage für die Manualregistraturen. Der Prinzipal 16‘ schwingt sich zu großem, tiefem Klang auf. Interessant ist die Verwendung von Rollbärten bei den Prospektpfeifen, was nicht so oft gemacht wird. Schneckenbärte, Rollbärte und Freins harmoniques sorgen dafür, dass eine Pfeife einen stabilen und starken Ton gibt. Der Subbaß wiederum passt sich als grundierender Klang den unterschiedlichen Registrierungen an und unterstützt sie in der Tiefe. Er ist sehr gut intoniert worden und hat seinen charakteristischen hölzernen Klangcharakter dabei behalten. Auch haben die Einzelstimmen jetzt Charakter und ermöglichen vielfältige Soloregistrierungen. Dabei gefallen der Hauptwerk Prinzipal 8‘ und die Quintade 8‘ des Brustwerkes sehr gut und die Rohrflöte 8‘ des Hauptwerkes ist ein wichtiges Soloregister geworden, welches ein wenig die Funktion einer Konzertflöte zu übernehmen vermag. Das Gedackt im Brustwerk hat das zeittypische Spucken in gemäßigter Form beibehalten.
Alle Zungenstimmen haben jetzt mehr ihren typischen Klang und schnarren nicht so sehr, sondern geben sowohl kräftigen Ton, wie bei den Trompeten und der Posaune, die dem Pedal einen guten Grund und Zeichnung gibt. Der Dulzian erfüllt die Aufgabe einer lyrischen Zunge und spricht gut an, was für Barockmusik sehr wichtig ist, besonders der franzsösichen. Aliquotmischungen mit Quinte, oder Terz sind jetzt nicht mehr aggressiv scharf und mager sondern weicher und rund. Das gilt auch für die Mixturen, denen die Schärfe und Härte des Klanges genommen wurde, damit sie wirklich eine Klangkrone bilden und der Orgel silbrigen Glanz verleihen. Der gesamte Klang ist nunmehr eher dem mitteldeutschen Spätbarock zuzuordnen. Und das meine ich ganz positiv. Die Orgel ist jetzt für viele Stile zwischen Frühbarock und Moderne gerüstet. Auch romantischen Musik klingt ganz wunderbar. Und besonders die Orgelmusik von Bach erzielt gute Wirkung, weil das Instrument jetzt etwas von der von Bach so oft geforderten „Gravität“ zeigt.
Weitere Maßnahmen neben der üblichen Ausreinigung waren die Erstellung eines Stimmganges, um die Wartung und besonders Zungenstimmung zu vereinfachen. Dazu hat man das Gehäuse nach hinten erweitert und den Zugang durch eine sichere Holztreppe und breiten Stimmgang ermöglicht. Weiterhin wurden die Zugmagnete erneuert und eine umfangreiche Setzeranlage (10 Blöcke a 1.000 Kombinationen) mit abschließbaren bzw. auch durch Codeziffern gesicherten Zugriff für unterschiedliche Spieler erstellt. Sequenzschaltung vor- und rückwärts durch Fußpistons für den Organisten oder seitlich neben dem Notenpult für den Registranten/Umblätterer ermöglichen umfangreiche Registrierungen und deren sicheren Abruf. Auch das Löschen einer Registrierung und das Zwischensetzen ist möglich. Zwei austauschbare Pedale ermöglichen auch Gastorganisten auf ihrer gewohnten Pedalform zu spielen. Neben dem neuen ergonomisch sinnvollen Radialpedal hat man das alte Parallelpedal behalten.
Finde ich sehr gut und findet sich an vielen Orgeln, welche auch einen regen Gebrauch in Gottesdienst und Konzert erfahren.
Der Gesamteindruck ist außerordentlich positiv und ich bin überrascht, was man aus einem Instrument dieser Zeit (60-70er Jahre des vorigen Jh.) machen kann und welche klanglichen Verbesserungen mit altem Material möglich sind. Hier haben die Orgelbauer aus Thüringen ganze Arbeit geleistet. Habe das Instrument selbst spielen können und im Einweihungskonzert als Cembalist mitgewirkt und beide Male hat sich der positive Eindruck bestätigt. Damit ist die Orgel der St.-Andreas-Kirche eine Bereicherung der Braunschweiger Orgellandschaft. Hoffen wir auf rege Nutzung und viele Zuhörer.
 

 

Verfasser: Hans-Dieter Karras, Kantor in Riddagshausen