Propstei Braunschweig
01.07.20

Aus der Wüste ins Leben

Eine etwas andere Erzählung zum Monatsspruch für den Juli aus 1.Kön 19,7:

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach:
Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.“

Es ist genug! Erschöpft, ausgepowert, so liegt er da. Gestern noch war er voll gut drauf. Hat gefeiert, gesungen, getanzt. Hat Scherze gemacht, sich und andere gut unterhalten. Und heute? Heute ist es in ihm leer. Leer wie in einer Wüste.
Draußen scheint die Sonne, bei ihm ist es dunkel. Die Rollos sind heruntergelassen. Er liegt auf seinem Bett. Irgendwann schläft er ein.
„Steh auf und iss, denn du hast einen weiten Weg vor dir!“
Hat er das jetzt geträumt? Oder hat eben wirklich jemand zu ihm gesagt, „Steh auf und iss!“? Er bleibt liegen. Er schläft weiter. Er träumt. In seinem Traum sieht er auf einmal eine Wüste. Unendlich groß und leer. Die Sonne brennt gnadenlos von einem stahlblauen Himmel. Lebensbedrohlich! Von Horizont zu Horizont nur Sand, kein Wasser, kein Schatten, kein Baum, kein Strauch.–Doch da, da hinten, da streckt ein dürres Gewächs seine Äste aus dem Wüstensand. Ein Strauch. Klein, inmitten der Weite des Sandes, aber tatsächlich da. Ein Zeichen des Lebens in der Leere der Wüste.
Wie bei einem Film wird der Strauch herangezoomt, kommt näher und wirkt auf einmal viel größer. Die staksigen Äste haben Blätter, nicht buschig, nicht in üppigem Grün. Aber doch immerhin ein paar widerspenstige, halb verdorrte Blätter sitzen an den Ästen des Strauchs und bilden kleine Schattenmuster auf dem heißen Sand. Unter dem Strauch, durch den flirrenden Sand und das Schattenspiel des Buschwerks nur schemenhaft erkennbar, liegt ein Mensch. Er liegt, die dürren Beine angezogen, so gekrümmt da, als wäre er Teil des Strauches. Sein Körper, halb vom Sand zugeweht, gleicht den sich tief in den Wüstensand eingrabenden Wurzeln des Strauchs.
Wieder verengt sich die Brennweite der Kamera. Der Zoom fährt auf den Körper zu und dann am Körper hoch zu der von Tuch verhüllten Erhebung, in der sich sein Gesicht verbirgt.
Ist er tot?
Nahaufnahme: Im Traum sieht er jetzt die aufgeplatzten Lippen. Die sonnenverbrannte, grobporige Haut. Die eingefallenen, geschlossenen Augen, die Nase und unter ihr die wild abstehenden leicht rötlichen Barthaare. Ein Mann unbestimmten Alters.
Der Zoom fährt noch dichter. Er fokussiert einzelne Oberlippenhaare des Bartes. Da! Ein schräg nach oben abstehendes Barthaar, gleich unter dem linken Nasenloch, wird leicht durch einen Atemhauch bewegt.
Er lebt!
Dann fährt der Zoom plötzlich zurück. Blendende Sonnenstrahlen nehmen das Sichtfeld des Traumes ein. Wie sich eben aus dem Sand und dem Schatten des Strauches der Körper des Mannes schälte, so tritt jetzt aus dem Licht eine Figur, deren Beschreibung selbst im Traum nicht gelingen will. Sie verströmt gleichzeitig die verzehrende Energie der Sonne und wirkt doch erfrischend wie kühles, lebensspendendes Wasser. Die Lichtgestalt bewegt sich auf den schlafenden Körper zu, rührt ihn an.
„Steh auf und iss, denn du hast einen weiten Weg vor dir!“
Auch er, der Träumende, fühlt sich angerührt. Er fühlt sich eins mit dem Körper des unter dem Wüstenstrauch Liegenden. Als er im Traum wahrnimmt, wie langsam Bewegung in den Körper kommt, sich dieser aufrichtet, spürt er auch eine Veränderung in sich. Neue Kraft breitet sich aus.
Dann stehen da auf einmal vor dem Mann im Traum eine Schale mit Brot und ein Krug mit Wasser. Und er sieht, wie jener isst und trinkt. Mit jedem Bissen, mit jedem Schluck scheint die neue Lebensenergie die Reserven des Mannes wieder aufzuladen. Es ist fast wie eine Akkuanzeige, die von ganz leer nun nach oben fährt: 50%, 60%, 80%, 100%. Und mit dem zunehmenden Energiepegel des anderen spürt er in sich selbst neue Zuversicht. Die Enge der gefühlten Sackgasse weitet sich und statt des „Dead-Ends“ öffnet sich ein neuer Weg.
„Steh auf und iss!“, wieder diese Worte, wieder eine Berührung. Er öffnet die Augen. Neben seinem Bett steht seine Mutter. Sanft hat sie die eine Hand zu seiner Schulter ausgestreckt, in der anderen hat sie einen Teller mit seinem Lieblingsgericht. Nicht immer mag er diese Berührung. Er fühlt sich dann oft so kindlich, so klein. Doch heute tut sie ihm gut.
Er lächelt seine Mutter an. Er steht auf und isst. Irgendwie weiß er, das ist erst der Anfang. Er hat noch einen weiten Weg vor sich.
Und jetzt fragst Du mich: Wo war da denn Gott? Und ich frage Dich: Wo war ER denn nicht?
Amen.
 

Gebet:
Gott,
manchmal ist es in mir wüst und leer,
manchmal bin ich müde und schwach,
manchmal ist mir der Tod näher als das Leben,
manchmal fehlt mir Perspektive und Hoffnung.

Gott,
rühr Du mich an und hebe meinen Blick.
Richte mich auf und gib mir Standkraft.
Stärke mich an Leib und Seele mit Deiner Speise des Lebens.
Weite mir das Herz und schenke mir Mut und Zuversicht.

Amen.

 

Verfasser: Lars Dedekind, Propst