Propstei Braunschweig
23.06.20

Äpfel vom Friedhof

In Braunschweig können sich Menschen unter Obstbäumen bestatten lassen

Friedhofsleiter Guido Haas zeigt regionale Elstar-Äpfel aus dem Vorjahr. Er hat auf einem Teil des evangelischen Hauptfriedhofs in Braunschweig eine Obstbaumwiese mit alten Apfel- und Birnbaumsorten angelegt. Naturfreunde können ihre Asche dort zwischen den Bäumen bestatten lassen. Foto: epd-bild / Peter Sierigk

Als Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland verschied, legten ihm die Bauern, so wie er es wollte, eine Birne mit ins Grab. "Und die Jahre gehen wohl auf und ab, längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab", heißt es weiter in Theodor Fontanes Gedicht. Der Braunschweiger Friedhofsleiter Guido Haas ist lieber in der Natur, als sich mit Lyrik zu beschäftigen. Und doch nahm der Gartenbau-Ingenieur Fontanes Ribbeck als Vorlage.

Haas ist Chef des Hauptfriedhofes des evangelisch-lutherischen Kirchenverbandes Braunschweig und damit von einem der größten kirchlichen Friedhöfe Deutschlands. 171 Morgen Land umfasst sein Areal - umgerechnet rund 85 Fußballfelder groß. Vor einigen Jahren hat er mit seinem Team auf einem Teil des weitläufigen Friedhofes eine besondere Obstbaumwiese angelegt: Kreisrund um "Kardinal Bea", "Alte Hannoveraner" oder "Queeny" und weitere alte Apfel- und Birnbaum-Sorten können Naturfreunde ihre Asche dort in auflösenden Urnen bestatten lassen.

"Wir haben bislang insgesamt 18 Bäume mit alten regionalen Apfel- und Birnensorten gepflanzt," sagt Haas. Mehr als 50 Urnen wurden dort bislang bereits beigesetzt. Die Nachfrage nach Sonder- und Urnenbestattungen nehme im Gegensatz zu klassischen Erdbestattungen im Sarg seit vielen Jahren zu. "Der Dithmarscher Paradiesapfelbaum ist zum Beispiel bereits voll belegt", erzählt der Friedhofsleiter. Immer wieder hätten Kinder des evangelischen St.-Johannis-Kindergartens Haas und sein Team unterstützt.

Ein zarter Duft liegt im Frühjahr in der Luft. Noch tragen die kaum zwei Jahre alten Bäumchen mit ihren rosa-weißen Blüten kaum Früchte. Zwischen den Bäumen summen und surren bis in den Spätsommer hinein Bienen und andere Insekten. In einigen Winkeln ähnelt der riesige parkähnliche Friedhof mit seinen mehr als 130 Jahre alten Bäumen einem dichten Wald, in anderen Ecken locken bunte Wildblumenwiesen Insekten an.

Mehr als zwei Dutzend unterschiedliche Grabarten habe er mit seinem Team in den vergangenen Jahren umgesetzt, erzählt Haas. Aber die Bestattung unter Obstbäumen sei außergewöhnlich: "Natürlich hat der Apfel bereits seit dem biblischen Paradies eine besondere Bedeutung - aber um das Essen von Äpfeln und Birnen geht es bei uns ja nicht."

Ein Apfel vom Friedhof? Der Bremer Pastor und Trauerexperte Klaus Dirschauer hätte da wenig Bedenken: "Natürlich würde ich in so einen Apfel beißen." Für den promovierten evangelischen Theologen seien die Braunschweiger Bestattungen unter Obstbäumen eine geschichtliche Korrektur: "Obst war in der früheren Friedhofskultur eben kein Tabu." Die Früchte seien jedoch nicht geerntet worden, sondern vielmehr als Zubrot für den Küster bestimmt gewesen. Dirschauer findet daher die Braunschweiger Idee einer Bestattung auf einer Obstwiese durchaus gelungen. Viel zu oft muteten heute Gräber und Friedhöfe an wie akkurat sortierte Beete in Vorgärten.

Es werde noch Jahre dauern, bis die kleinen Bäumchen auf dem Braunschweiger Friedhof große Früchte tragen, sagt Friedhofsleiter Haas. Wie Dirschauer sieht auch Haas kein Problem mit dem Verzehr. Natürlich könnten die Kinder, die diese pflanzten, dann auch einen Apfel oder eine Birne naschen. Und das wäre dann wieder fast so wie bei Fontanes Ribbeck: "Und kommt ein Jung übern Kirchhof her, so flüsterts im Baume: 'Wiste 'ne Beer?' Und kommt ein Mädel, so flüsterts: 'Lütt Dirn, kumm man röwer, ich gew di ne Birn."

 

Verfasser: Gunnar Müller (epd)