Propstei Braunschweig
04.07.20

Wir sind gesehen

Ein Klassenzimmer, kurz nach Stundenschluss. "Glauben Sie an Gott?", fragt der Schüler mit leiser Stimme. Es ist eine unbelauschte Sekunde nach einer zum Nägelbeißen spannenden Physikstunde.

"Glauben Sie an Gott?" Der Lehrer streift seinen Schüler mit einem Blick, wie um zu prüfen, ob die Frage ernst gemeint wäre. Dann tritt er ans Fenster und schaut hinaus. "Wenn, wie Sie sagen …", setzt der Junge nach, „… da oben wirklich so ein gewaltiges Kräftespiel tobt, wenn schwarze Löcher alles Licht einsaugen, wenn Sterne explodieren und Gravitationswellen hundert Milliarden Galaxien durchrütteln ... Wie kann man da noch an einen Erdengott glauben?"

Ohne den Blick zu wenden, hebt der Lehrer an: "Vielleicht stellen wir uns Gott nicht groß genug vor. Vielleicht erzählen uns die Himmel von seiner wahren Größe. Vielleicht ist Gott größer als das All. Und alles, was sich ausdehnt, lebt und weitet, das bewegt sich mit seinem Atem. Vielleicht wachen wir gerade auf und bekommen eine unfassbare Weite zu sehen. Mit jeder neuen Erkenntnis, die die Astrophysik gewinnt, wird mir dieser Gott geheimnisvoller, ehrfurcht-gebietender."

Der Junge braucht eine Weile, bis sich dieses Bild in ihm aufbaut: Gott so groß, dass ein sich ausbreitendes All in IHM Raum hat! Gott als Raum der Welten, in dem sich Endlosigkeit zu Orten und Ewigkeit zu Zeit und Geistesgegenwart verdichten! Die Sekunden verstreichen, dann sagt er: "Glauben Sie an so einen Gott?"

"Glauben?", antwortet der Lehrer: "Ich würde eher sehr sagen, ich bin tief beeindruckt. Ich begreife nicht, wie es IHM möglich ist, so groß zu sein und zugleich so klein, um uns auf dieser Erdmurmel hier in die Augen zu schauen. Ich glaube, die Generationen vor uns haben wirklich recht gehabt: Wir sind gesehen. Zuweilen spüre ich seinen Blick. Und der Gedanke geht mir durch und durch: Auch ich bin gesehen!"

Verfasser: Henning Böger, Pastor an St. Magni