Propstei Braunschweig
30.10.20

Hammerschläge und Veränderungen

Es ist der frühe Morgen des 31. Oktobers 1517. Die Stadt Wittenberg liegt noch im Schlaf, als der junge Martin Luther mit einem Hammer in der einen und einem Papier mit 95 Thesen in der anderen Hand zur großen Tür der Schlosskirche schreitet. Schwere Hammerschläge durchbrechen die Stille des frühen Morgens und schreiben von nun an Geschichte.

Das ist das tradierte Bild, das mit dem seit 2018 auch in Niedersachsen als Feiertag begangenen Reformationstag gemeinhin assoziiert wird. Ob dieses Bild wirklich den historischen Gegebenheiten entspricht, ist in der heutigen Geschichtsforschung umstritten. Nicht umstritten ist, dass Martin Luthers 95 Thesen den gesellschaftlich-politischen Diskurs seiner Zeit entscheidend geprägt und das Leben der Menschen zum Teil dramatisch verändert haben. Vieles was wir heute als selbstverständlich voraussetzen, findet hier zumindest einen entscheidenden Ausgangspunkt. Die Entstehung der protestantischen Kirchen und die daraus resultierende weitere Auffächerung der weltweiten Ökumene. Die Beförderung der deutschen Sprache. Das allgemeine Schulwesen. Erste Ansätze von Obrigkeitskritik, die Hinterfragung von Autoritäten und die Fokussierung auf die Heilige Schrift und das eigene Gewissen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“

Vieles ist damals vor 503 Jahren angestoßen worden. - Und heute? Was müsste heute auf unseren Thesenpapieren stehen? Wo sehen wir heute die Notwendigkeit für Veränderung, sei es in Kirche, sei es in unserer Gesellschaft, sei es bei uns selbst?

Und wenn wir Veränderungen fordern, worauf basieren wir diese? Was ist die Basis, auf der wir stehen? Woran orientieren wir uns? Reicht es tatsächlich schon, wenn jeder die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zum Maßstab setzt, frei nach dem Motto, wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht?

Gerade die aktuelle Situation der globalen Corona-Pandemie macht deutlich, dass wir einen größeren Bezug brauchen, dass wir andere ebenso im Blick haben müssen wie uns selbst. Die goldene Regel nach Jesus lautet:
„Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Mt. 7, 12)
 
Wenn ich also darüber nachdenke: „Was brauch ich? Was will ich?“, dann fordert mich die Goldene Regel auf, gleich mitzudenken: „Was braucht der andere? Was brauchst Du?“
Dieser Blick weg von mir und meinen Bedürfnissen und Wünschen hin zu dem, was für andere, für Dich gut und hilfreich ist, dieser neue Blick hat ein geradezu revolutionäres Potenzial zur Veränderung. Wenn es uns gelingt, unser Denken und Handeln an der Goldenen Regel zu orientieren, dann werden wir selbst und mit uns unsere Welt menschlicher, lebensfreundlicher, besser! – So einfach und gleichzeitig so schwer! Aber einen Versuch ist es allemal wert, gerade heute am Reformationstag!

Lars Dedekind, Propst

 

 

Verfasser: Propst Lars Dedekind