Propstei Braunschweig
21.11.20

Wort zum Ewigkeitssonntag von Pfarrer i. R. Hellmut Winkel

Ein  Herbstgedicht


Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
Als welkten in den Himmeln ferne Gärte;,
Sie fallen mit verneinender Gebärde,
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
Aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
Unendlich sanft in seinen Händen hält.
von Rainer Maria Rilke

 
Es ist wahr: wir alle fallen oder mit den Worten der Bibel gesprochen: „ Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir“ ( Hebr.13,14). Wir sind nur für eine kurze Zeit unterwegs, sind nur Durchreisende. Der kommende Toten- bzw. Ewigkeitssonntag macht uns unsere Vergänglichkeit wieder bewusst. Und wir denken in besonderer Weise an die, die schon ge(ver-)gangen sind. So leben wir augenscheinlich in einer vergänglichen Welt, die oft aus sich selbst keinen Sinn macht, auch aufgrund der jetzt herrschenden Pandemie.


Aber nun gibt es einen Punkt, mit dem Gott in Christus, dem archimedischen Punkt des Seins, unsere fragwürdige Welt des ewigen Werdens und Vergehens, dem großen Hamsterrad des Seins, aus den Angeln gehoben hat. Im Kommen Jesus Christi, in seinem Kreuz und seiner Auferstehung aus dem Tode, kommt uns Licht vom Ende des Tunnels, Morgenglanz der Ewigkeit, schon entgegen. Das Ostergeschehen meint nicht die Reanimierung eines Leichnams - die mythische Rede vom leeren Grab begründet nicht die Wahrheit des Auferstehung -, sondern ist Bestätigung eines neuen, ganz anderen Lebensentwurfs, den der Nazarener vorgelebt und begründet hat. Es ist gleichsam ein neuer Schöpfungsakt, eine Art zweiter Urknall, ist Öffnung eines Portals für ein göttliches Universum. Dem Aufrstandenen ist übertragen worden alle Macht im Himmel und auf Erden. Weil das über unseren Horizont geht, nennen wir es Himmelreich. Paulus, der Zeuge Jesu Christi, jubiliert nach seiner alles umstürzenden Christusvision vor Damaskus: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur, das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden“( 2. Kor. 5,17 ): Ja, wir fallen am Ende unseres irdischen Seins nicht ins Bodenlose,  in ein großes schwarzes Loch, landen nicht in einem gefühllosen Nirwana, sondern gelangen am Ende in die Hände dessen, „der unser Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält“. Wunderbar hat das Rilke beschrieben. Und: Du darfst es glauben.

Verfasser: Pfarrer i. R. Hellmut Winkel