Propstei Braunschweig
13.03.21

Was ist mit unserer Freiheit?

„Frei zu sein bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert.“ (Nelson Mandela)


Frei sein – das ist eine große Sehnsucht der Menschheit. Besonders dann, wenn freie Meinungsäußerung unterdrückt oder die Freiheit bestimmter Bevölkerungsgruppen durch Ungleichberechtigung eingeschränkt wird, wird der Ruf nach Freiheit laut. Am vergangenen Montag war der Weltfrauentag. In der Geschichte ist immer wieder um Freiheit gekämpft und gerungen worden. Wem stehen welche Rechte zu? Und auch in dieser Pandemie stellt sich die Frage nach der Freiheit. Hat ein Staat das Recht, die Freiheit des Einzelnen so stark einzuschränken, um das Gemeinwohl zu schützen? Die Corona-Krise wirft viele ethische Grundsatzfragen auf, die von den Politikern in kürzester Zeit entschieden werden müssen. Dabei muss die „Freiheit“ des Einzelnen gerade sehr zurückstecken, um die Ausbreitung des Virus in der Gesellschaft zu verlangsamen. Aber was ist eigentlich „wahre Freiheit“? Philosophen und Theologen haben sich über Jahrhunderte hinweg mit dieser Frage auseinandergesetzt. Wichtig und entscheidend dabei ist, dass der Mensch als soziales Wesen immer auch von seiner Umwelt abhängig ist und sich zu ihr und in ihr verhält. Eine „absolute Freiheit“, im Sinne von Losgelöstheit, ist auf dieser Erde also gar nicht möglich.
Nur, wenn sich alle an die Abstandsregeln halten, kann ich, frei von der Angst, mich anzustecken, das Haus verlassen. Wer möglichst „frei“ in einer Beziehung und in der Gesellschaft zusammenleben möchte, darf nicht nur egoistisch die eigenen Bedürfnisse im Blick haben. Sondern, wie Mandela es sagte: Frei zu sein bedeutet „ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert“. Diese Ambivalenz des Freiheitsbegriffs zieht sich durch die Geschichte und spiegelt sich in vielen Problemen unserer heutigen Gesellschaft wider. Möchte ich frei sein, die Natur zu genießen, sollte ich mich an den Stellen einschränken, an denen ich ihr schade. Möchte ich ein Leben in Freiheit und Würde führen, muss ich auch die Menschenwürde anderer achten.
Jesus ist für die Freiheit der Menschen eingetreten. Er war das Sprachrohr der Sprachlosen und hat den Blick der Menschen auf die Ungerechtigkeiten gelenkt, damit alle Menschen in Würde und Nächstenliebe zusammenleben können. „Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ (2Kor 3,17)

Verfasser: Pfarrerin Anne-Lisa Hein