Propstei Braunschweig
06.04.21

Gedanken zum Monatsspruch April 2021 von Propst Lars Dedekind

Christus ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. (Kol 1,15)

Foto: pixabay

Luft umgibt mich. Ich atme sie ein. Ich atme sie aus. Ich lebe. – Die Luft selbst jedoch ist unsichtbar. Nur an sehr kalten Tagen kann ich sie sehen und als Nebelhauch wahrnehmen, wenn die Feuchtigkeit aus unserem warmen Atem auf die kalte Außenluft trifft und in winzig kleinen Tröpfchen kondensiert.

Neben der Luft oder, um präzise zu sein, dem Sauerstoff, den wir zum Atmen benötigen, bedarf es natürlich noch viel mehr, damit wir leben können. Die Quelle, die Ursache für das Wunder des Lebens bleibt bis heute etwas, das wir nicht so richtig fassen können. Auch auf rein rationaler Ebene bleibt da vieles dem menschlichen Geist verborgen, dem menschlichen Auge unsichtbar. Sicher, dank moderner Forschung und ihren wissenschaftlichen Instrumenten wissen wir heute mehr über die Zusammenhänge der Entstehung des Lebens. Wir wissen von Aminosäuren, die als Bausteine der Proteine dienen, die wiederum wesentliche Bestandteile aller Zellen sind - egal ob Einzeller, Pflanzen oder Tiere. Trotzdem, die Ursache des Lebens an sich bleibt ein Geheimnis! Die Entstehung des Alls, des Universums in seiner schier unbegreiflichen Größe, mit den ungezählten Galaxien, die Milchstraße, unsere Galaxie, mit irgendetwas zwischen 100 und 400 Milliarden Sternen, unser Sonnensystem mit seinen acht Planeten und unter diesen nur der eine blaue Planet, unsere Erde, von der wir mit Sicherheit wissen, dass sie Leben beherbergt – was für ein Wunder!

Die Bibel deutet all dieses als Schöpfung. Auf die Frage nach dem Ursprung antwortet die Bibel: Der Kosmos und alles Leben in ihm ist kein aus dem Chaos entstandenes Zufallsprodukt, sondern ein bewusster Akt schöpferischer Ordnung. Alles was ist, wird durch Gott ins Sein hervorgerufen (vgl. 1. Mose 1).

Das mag aus heutiger Sicht zunächst fremd wirken, denn unser Bild vom Kosmos ist deutlich komplexer als das geozentrische Weltbild der biblischen Texte. Die Vorstellung eines Himmels, in dem Gott mit seinem Hofstaat oberhalb der Erde thront, wirkt antiquiert und wenig überzeugend. Aber es ist ja auch bei Weitem nicht die einzige Redeweise der Bibel. Vielmehr wissen die Autoren der Heiligen Schriften stets um die Begrenztheit aller sprachlichen Beschreibungen. Im Hinblick auf Gott heißt es im zweiten Gebot (2. Mose 20,4): „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“. Gott ist in seiner Größe und Gänze nicht beschreibbar. Er bleibt unsichtbar. Gleichzeitig ist Gott in allem erfahrbar, weil nach biblischen Zeugnis eben alles, was existiert, durch seinen Willen, sein Wort geschaffen und erhalten wird.

„Und Gott sprach: Es werde ... Und es ward...“ (1. Mose 1, 3) - Dieses Wort Gottes, das in der biblischen Schöpfungsgeschichte wirkmächtig den Kosmos und die Erde mit allem, was sie an Leben bevölkert, in Existenz ruft, dieses Wort Gottes wird von den ersten Christen mit Christus gleichgesetzt. So ist dieses „Es werde...“, dieses Schöpfungswort aus Gottes Mund bildlich gesprochen „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“. An dieses Wort bindet sich der unsichtbare Gott. In diesem Wort will Er sichtbar werden.

Das Wort der Schöpfung, das Wort des Lebens steht laut christlicher Überlieferung nicht nur ausschließlich am Anfang allen Seins, sondern es hat sich in dem Menschen Jesus Christus inkarniert. In Jesus Christus begegnet uns beides: „wahrer Mensch und wahrer Gott“ (vgl. Konzil von Chalcedon, 451 n.Chr.).

Steile Aussagen des Glaubens, die bis heute auch Widerstreit und Unverständnis hervorrufen. - Woher kommt dieser Glaube? Für mich ist er nur verständlich, wenn ich die Berichte von Kreuz und Auferstehung ernst nehme. Es sind diese ambivalenten Erfahrungen von Tod und Leben, von Ende und Neubeginn, von Verzweiflung und Hoffnung, die uns gerade in diesen Tagen von der Passionszeit bis zur Osterzeit begleiten und die uns im Glauben eine neue Perspektive eröffnen von der Endlichkeit in die Ewigkeit. Christus ist der, der uns auf diesem Weg vorausgegangen ist. Er öffnet uns die Türen von dieser Welt, zu der Welt, die da kommt, vom irdischen Leben zum Ewigen Leben.

Das war und bleibt ein „Skandalon“! Es ist nicht zu verstehen, aber man kann darauf hoffen, sein Vertrauen darauf setzen, daran glauben.

Dass wir in der Weite des Alls auf unserer kleinen Erde um unsere Sonne kreisen, dass es Dich und mich gibt, dass wir atmen, dass wir leben, das ist bereits so unwahrscheinlich und doch wahr, wer bin ich da, dass ich Gott nicht auch zutrauen würde, das endliche Leben in ein Ewiges Leben überführen zu können.

Frohe Ostern!
 

Verfasser: Propst Lars Dedekind