Propstei Braunschweig
27.03.21

Warten auf Entfaltung

In Mauerritzen und Gehwegfugen wartet das blühende Leben. In dunkler Gartenerde und grünen Pflanztöpfchen steckt die ganze Kraft eines Samenkorns. Doch noch ist es zu kalt, zu dunkel. Aber was, wenn die Sonne dieses Mal verliert, und es dunkel bleibt und kalt? Die Zeit bliebe einfach zwischen Winter und Frühling stecken und in den Mauerritzen schmorten die Samenkörner und warteten vergeblich.


In den Proberäumen und Eventagenturen, auf den leeren Theaterbühnen und den klebrigen Tanzböden wartet das blühende Leben: Ideen für einen glücklichen Abend. Gedanken über ein unbekanntes Gefühl. Melodien, die noch keiner gehört hat. Sie warten darauf sich zu entfalten. Die ungetanen Taten, die ungefeierten Feste, die ungeschehenen Begegnungen, das nicht passierte Glück – es steckt in den Mauerritzen und Gehwegfugen. Doch es bleibt kalt und dunkel.


Immer drängender brennt das Verlangen nach den ersten warmen Sonnenstrahlen - und dem ersten Konzert. Sehnsucht nach dem ersten Eis – und dem ersten offenen Club. Das will ich mir merken für die Zeit danach: Es ist wichtig, sich entfalten zu können. Ein Kunstwerk lebt davon betrachtet zu werden. Ein Schauspieler von der Aufmerksamkeit. Ein Veranstalter von lachenden Gesichtern. Es ist nicht eitel auf einer Bühne stehen zu wollen. Es ist nicht egoistisch tanzen zu wollen. Es ist eine unsichtbare Kraft in mir, die raus will, die beachtet werden will.


In den Mauerritzen und Gehwegfugen warten die Samen auf die Aufmerksamkeit - und sie wird kommen! Und dann wird es hoffentlich schöner und bunter und tiefer als je zu vor.

Das glaube ich: denn Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind. (Hebr 11,1)

 

Verfasser: Pfarrer Jakob Timmermann