Propstei Braunschweig
29.04.21

Gedanken zum Monatsspruch Mai von Propst Lars Dedekind

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. (Sprüche 31, V.8)

Foto: pixabay

Der Monatsspruch für Mai bringt mit anderen Worten zum Ausdruck, was wir heute „Advocacy-Arbeit“ oder Ombudswesen nennen. Der Einsatz, die Fürsprache, das Engagement für andere.

Diese Fürsprache für andere wird in unserem Grundgesetz (Artikel 9, Absatz 3) als Recht verbrieft, das zusichert, Vereinigungen bilden zu dürfen, die die Interessen der Beschäftigten in der Arbeitswelt wahren. So setzen sich bei uns u.a. Gewerkschaften und Mitarbeitervertretungen für die Kolleginnen und Kollegen ein, die sich alleine vielleicht nicht trauen würden, den Mund aufzumachen. Aufgefangen in einem System der Fürsprache sind sie nicht länger stumm, nicht länger vereinzelt oder gar verlassen.

Auch die Interessen von Arbeitgebern und Unternehmen haben ihre Fürsprecherinnen und Fürsprecher in Verbänden, Industrie- und Handelskammern. Auch sie müssen nicht jeder für sich alleine für ihre Interessen ringen, sondern sie gewinnen Gehör und Aufmerksamkeit durch die Bündelung ihrer Anliegen und die Fürsprache zum Teil sehr einflussreicher Interessensvertretungen.

Was aber ist mit denen, die weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer sind?
Wer vertritt die, die in keinem regulären Arbeitsverhältnis stehen?
Die Leiharbeiter, die Obdachlosen, Geflüchtete, Menschen mit geistigen Einschränkungen oder auch Kinder, die in unserer Gesellschaft ihre Interessen nur sehr eingeschränkt vertreten können, weil sie eben noch nicht volljährig sind und damit noch nicht mit vollen Rechten und Pflichten am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Wer also spricht für die, die auch in unserer Gesellschaft keine verbriefte Fürsprache haben?
Wer sorgt für Ausgleich und Gerechtigkeit?
Wer leiht diesen seine Stimme? - Ganz uneigennützig, ganz ohne eigene Vorteilsabsicht,
wer würde das tun? Und warum?

Ein kurzer Zwischengedanke zur Liebe:

Ob Liebe nur teilen kann, wer Liebe erfahren hat?
Ich weiß nicht, ob dieser Satz so stimmt. Es gibt Menschen, die können inmitten von Angst und Hass lieben, ihren Peinigern vergeben.

Ob ich das könnte?
Ich weiß es nicht. Aber ich bin mir sicher, dass es eine Quelle der Liebe gibt, die über unsere bruchstückhafte und allzu häufig auf uns selbst bezogene Liebe hinausreicht, die tiefer ist und höher ist, weil sie sich eben nicht nur aus den begrenzten Erfahrungen menschlicher Liebe speist, sondern in der bedingungslosen und grenzenlosen Liebe Gottes wurzelt.

Allerdings, so scheint es, sind diese Wurzeltriebe nicht immer voller Saft und Kraft. Sie können auch verkümmern, wenn ich so gar keine Liebe erfahre.
Auf der anderen Seite werden diese Wurzeln gekräftigt immer da, wo ich die Liebe Gottes wahrnehme. Wo ich Gnade, Vergebung, Rechtfertigung, Liebe erfahre, und da, wo ich sie Anderen zukommen lasse oder mich zumindest dafür einsetze, dass diese Anderen erfahrbar werden. Da, wo ich in Fürsprache trete „für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“

Nochmal die Frage:
Wer also spricht für die, die keine Fürsprache haben?
Wer sorgt für Ausgleich und Gerechtigkeit?
Wer leiht diesen seine Stimme? - Ganz uneigennützig, ganz ohne eigene Vorteilsabsicht,
wer würde das tun? Und warum?

Antwort:
Der Mensch, der sich von Gott geliebt weiß!

Deshalb ist es meine Bitte und mein Gebet, dass wir Gottes Liebe erfahren, dass wir um sie wissen und sie teilen, in dem wir den Mund auftun „für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“

Und indem wir uns so für andere einsetzen, werden wir vielleicht entgegen aller mathematischen und ökonomischen Wahrscheinlichkeiten erleben, dass geteilte Liebe vermehrte Liebe ist!

 

Verfasser: Propst Lars Dedekind