Propstei Braunschweig
03.07.21

Neue Männer

„War Jesus eigentlich Feminist?“ fragt mich neulich eine Konfirmandin. Interessante Frage, dachte ich. Hätte ich so nicht formuliert, aber vielleicht hat sie gar nicht so unrecht. Die Antwort kommt sicher darauf an, was genau mit dem Wort „Feminist“ gemeint ist, und das hat sich in den vergangenen Jahren ja ziemlich verändert.

Zur Zeit Jesu gab es das Wort jedenfalls noch gar nicht, also: Nein, Jesus kann gar kein Feminist gewesen sein. Bis vor vierzig Jahren war es noch sehr unüblich, das Wort in der männlichen Form zu benutzen, denn eine Feministin war eine Frau, die für Frauenrechte kämpfte.  Männer hätten sich selber kaum so bezeichnet, Jesus also wohl auch nicht. Vor dreißig Jahren gab es dann ein Buch von Franz Alt: Jesus, der erste neue Mann. Die „neuen Männer“ waren wiederum damals so etwas Ähnliches wie Feministen; war Jesus also doch auch einer?

Nun gibt es in der heutigen Generation junger Männer nicht wenige, die sich tatsächlich selber als Feministen bezeichnen und die gemeinsam mit Frauen für eine gleichberechtigte Gesellschaft und Welt eintreten – für Frauen und Männer, für LGBTQ*, für Menschen aller Hautfarben und Sprachen, für Alte und Junge, … für alle eben. Das hat Jesus nun unzweifelhaft getan und würde es hoffentlich auch heute genauso wieder tun.

Ich weiß nicht, wie ihm die Bezeichnung gefallen würde, aber wenn Jesus heute ein junger Mann wäre, wäre er vermutlich Feminist geworden. Es heißt ja, dass er irgendwann wiederkommt. Einen Satz würde er dann ganz sicher wieder sagen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Das stammt aus dem Johannesevangelium und klingt doch ziemlich feministisch. Findest du nicht, liebe Konfirmandin?

 

Verfasser: Pfarrerin Sabine Wittekopf