Propstei Braunschweig
21.08.21

Freihändig

Mein Freund M. kommt mir auf dem Fahrrad fröhlich lächelnd entgegen. Er fährt freihändig! Ich bewundere ihn. Er ist ein paar Jahre älter als ich, aber ich traue mich das nicht mehr.
Freihändig fahren. Das sieht so leicht aus, ist aber hohe Kunst. Du lenkst nicht nur mit den Händen, du fährst mit dem ganzen Körper, mit allen Sinnen.


Aber manchmal suche ich nach absoluter Sicherheit. Dann würde ich niemals auch nur für einen Moment die eine Hand vom Lenker nehmen. Dann wieder brause ich durchs Leben, als ob nichts wäre; bin schon genervt, wenn jemand etwas vorsichtiger unterwegs ist.
M. fährt freihändig. Doch wenn der Weg holprig wird oder wenn Fußgänger in der Nähe sind, hat er ganz schnell die Hände am Lenker.
Er beherrscht sein Fahrrad. Er weiß aber auch, dass sich alles ständig und ganz schnell ändern kann. Eben ist der Weg noch glatt, doch schon im nächsten Moment wird es ungemütlich.


Ich denke, auf beides kommt es in diesen Zeiten an: locker bleiben und aufmerksam; ab und zu einen kleinen Schlenker oder einen Umweg in Kauf nehmen, sich der Situation anpassen.
Und im Gepäck habe ich meinen Glauben.
Er ist mein Kompass, denn mein Weg braucht eine Richtung. Der Glaube ist wie die Sonne am Tag und der Polarstern bei Nacht. Er hilft mir, mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren – auch wenn ich es vielleicht nie erreiche. Er erinnert mich daran: Ich bin nicht nur für mich da, sondern für die Menschen, die mir anvertraut sind. Ich habe Respekt vor den Gefahren des Lebens – und will doch so frei wie möglich unterwegs sein. Das Leben, mein Leben hat einen Sinn, auch wenn ich ihn nicht immer erkenne.


Für mich ist der Glaube das Licht der Liebe. Es scheint am Tag und auch in tiefster Nacht.

 

Verfasser: Pfarrer Friedhelm Meiners