Propstei Braunschweig
04.09.21

Bekommen, um zu geben

Sie ist gekommen, um zu gewinnen. Und sie gewinnt viel Geld.
Am Ende ihrer Raterunde bei „Wer wird Millionär?“ hat die Studentin 125.000 Euro gewonnen. Und fängt vor Rührung erst einmal an zu weinen. „Das ist alles für die Bildung“, sagt sie. Der Moderator antwortet erstaunt: „Für dieses Geld kriegen Sie aber viel Bildung!“ Nein, antwortet die Gewinnerin, das Geld sei gar nicht für sie bestimmt.

Und dann erzählt sie, was ihr weit vor Corona auf einer Rucksackreise durch Afrika widerfahren ist: In Simbabwe saß sie auf einmal mit nur fünf Dollar fest, keine Chance, sich mit neuem Bargeld zu versorgen. Der Schreck war groß. Aber dann hätten Studenten des afrikanischen Landes ihr eine Woche lang geholfen, sie untergebracht, verpflegt und für ihre Weiterreise ins Nachbarland gesorgt, wo sie wieder Geld abheben konnte. Das alles wolle sie nun endlich wiedergutmachen, sagt sie. Von ihrem Gewinn werde sie die 47 afrikanischen Ingenieurstudenten zu einer zweiwöchigen Reise nach Deutschland einladen.

Eine tolle Geschichte, denke ich beim Lesen, und ein Dankeschön der besonderen Art: Gewinnen, um anderen etwas Gutes zu tun. Manchen Menschen gelingt es, so groß zu denken und zu handeln. Oft genug ist es ja andersherum: Da verkrampfen sich Hände eher, wenn es ums Geben geht. Da bleibt der Blick eng aufs eigene Soll und Haben gerichtet. Aber manche Hände öffnen sich und geben von dem, was sie haben. Menschen teilen, nicht weil sie müssen, sondern weil sie dankbar sind für das, was sie bekommen haben. Und dann nicht vergessen, was ihnen Gutes getan wurde.

Wie viele Menschen haben mir schon geholfen, haben auf mich aufgepasst, mir einen Weg gezeigt und mich begleitet? Wie viele haben sich schon mehr als nötig um mich gekümmert oder mir einfach vertraut? Wie viele, die einfach ihre Arbeit machen, haben sie so gemacht, dass es mir guttat? Manchmal kann ich gar nicht genug danken!

So, wie die Studentin, die nicht vergessen hat, was ihr die Kommilitonen in Simbabwe Gutes getan haben. Ein Jahr lang hat sie sich vorbereitet, schafft es dann tatsächlich in die Ratesendung und auch noch auf den Ratestuhl. Ihr Plan geht auf: Bekommen, um zu geben!

Verfasser: Pfarrer Henning Böger