Propstei Braunschweig
01.10.21

Gedanken zum Monatsspruch Oktober 2021

„Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“ Hebräer 10, 24

„Social Credits“ hinter diesem gefällig klingenden Begriff versteckt sich der Versuch des chinesischen Staates seine Bürger*innen über ein Punktesystem zu einem aus Sicht der kommunistischen Partei wünschenswerten Verhalten zu erziehen. Staatskonformes Verhalten wird belohnt. Verhalten, das dem Staat nicht gefällig ist, bestraft. Überwachungskameras im öffentlichen Raum und Spysoftware im privaten lassen das Auge des Staates allgegenwärtig sein. „Schöne neue Welt!“ - Nur wer sich konform verhält, hat Aussicht auf eine gesellschaftliche Anerkennung, auf Bildung und berufliche Karriere.

„Wie schön“, könnte man sagen: „Keine Querdenker!“ – „Wie schön: Jede und jeder im Dienste des Allgemeinwohls!“

Und tatsächlich höre ich auch in Deutschland immer wieder Menschen, die mit einem starken Staat liebäugeln, die missgünstig auf die Freiheit des Einzelnen schauen. Man müsste doch mal... So fangen oft Sätze im Konjunktiv eines möglichen Gedankenspiels an, das sich dann schnell zum Imperativ wandelt. An Stelle der Ermöglichung, der Option einer freien Entscheidung, tritt die Forderung, die Bedingung, das Gesetz.

Auch bei Kirche und Diakonie ist nicht alles Evangelium. – „Soviel Freiheit ist vielleicht am Ende auch gar nicht gut? Manche muss man halt zu ihrem Glück zwingen. Es kann ja nicht jeder machen, was er will. Wo kommen wir denn da hin? ...“

Und so haben wir oft im besten Glauben das Richtige zu tun, Freiheit beschnitten. Menschen eingesperrt in Schubladen oder auch in Zellen. Oder ausgesperrt aus unserer gesellschaftlichen Teilhabe, aus dem öffentlichen Leben, aus dem öffentlichen Raum.

Jesus, das wissen wir aus den biblischen Texten, war da anders. Er ist hingegangen zu den Ausgestoßenen, zu denen am Rande. Er ist selbst nicht konform gegangen mit den kulturellen, religiösen oder politischen Erwartungshaltungen seiner Zeit. Unser Herr war unkonventionell, anstößig und sicherlich vieles, aber nicht angepasst.

Dieses gilt es, sich in Erinnerung zu rufen, damit das biblische Wort für den Monat Oktober nicht im Sinne eines „Social Credit“-Systems missinterpretiert wird.

„Lasst uns aufeinander achthaben“ ist keine Aufforderung zur Etablierung eines kirchlichen Überwachungsstaates, kein Aufruf zur Bildung einer Kirchengemeinde-Wehr mit sozialer Kontrolle des kirchlichen Lebens vor Ort. Es ist keine Rechtfertigung zur Inquisition, sondern „Aufeinander-Achthaben“ ist ein Appell zur Achtsamkeit. Zum genauen Hinhören und Zuhören, zum Hinsehen und Wahrnehmen.

Wahrnehmen. Nimm wahr. Nimm wahr, was ist. Nimm wahr den Herzschlag, Nimm wahr das Atmen. Nimm wahr das menschliche Leben. Nimm wahr, was es braucht: die Bedürfnisse nach Essen und Trinken, nach Kleidung und Wohnung, nach Arbeit und Anerkennung, Würde und Zugehörigkeit. Nimm wahr den Wunsch nach Liebe.

Liebe ist es, die wir brauchen, wie die Luft zum Atmen. Liebe ist es, die uns nährt und speist. Ein hohes Lied der Liebe (vgl. 1. Kor 13) anzustimmen, in unzähligen Aphorismen und geistreichen Worten die Liebe zu umschreiben, all das, vielfach getan, wird ihr doch nicht gerecht. Die Liebe will nicht beschrieben sein, sondern gelebt. Die Liebe will sich verschenken. Sie lässt sich nicht einsperren. Je mehr sie geteilt wird umso größer wird sie. Sie hält nicht an sich, sondern gebiert ihre Kinder überall, wo Menschen in Liebe Handeln.

Gute Werke sind Kinder der Liebe.
Gute Werke werden nicht gemacht, sondern sie wachsen aus der Saat der Liebe, die Gott in unser Leben gepflanzt hat.

Deswegen lässt sich die aus der Liebe Gottes erwachsene Nächstenliebe auch in kein System sozialer Kreditmechanismen und gesellschaftlicher Überwachung sperren.

Die Liebe Gottes ist frei und wenn wir von seiner Liebe durchdrungen selber in Liebe handeln, so sind wir es auch, selbst wenn uns andere aus Angst vor dieser Liebe Ketten anlegen wollten.

Verfasser: Lars Dedekind, Propst