Propstei Braunschweig
09.10.21

Politische Kirche

Foto: Anne Hage

„Ist die Kirche eigentlich politisch?“ fragte mich diese Woche eine Konfirmandin. Ein nicht unumstrittenes Thema, dachte ich und fragte erst mal zurück: Was denkst denn Du? Dazu fiel ihr ein, dass sie neulich in der Schule gelernt hatte, man könne gar nicht „nicht politisch“ sein, und das träfe dann ja wohl auch auf die Kirche zu. Genau, und damit müsste die Frage eher lauten: Wie politisch ist die Kirche?
Vielleicht auch: Wie politisch soll die Kirche sein?

Vor 50 Jahren gab es mit Dorothe Sölle das politische Nachgebet. Vor zwei Jahren hingen an Braunschweiger Kirchtürmen Rettungswesten, die für die Aufnahme der im Mittelmeer in Seenot geratenen Flüchtenden warben. Ist das schon politisch? Ist das politisch genug?

„Politisch“ könnte in diesem Zusammenhang bedeuten, dass wir als Kirche die Botschaft Jesu für unsere Stadt, für unseren Staat und seine Bürgerinnen und Bürger konkret werden lassen. Eine politische Kirche setzt praktisch für die Menschen und die Welt um, was die Bibel uns lehrt: Liebe, Gerechtigkeit, Menschenfreundlichkeit. Was nützen uns schließlich biblische Sätze wie „Selig sind, die Frieden stiften“, „Gott erhebt die Niedrigen aus dem Staub“ oder „Du sollst deine Nächsten lieben wie dich selbst“, wenn sie nicht konkret angewendet werden auf unseren Alltag, auf die Klimapolitik, auf die unerträgliche rechtsradikale Gewalt in Braunschweig, auf Waffenhandel und Rüstungsexporte …

Eine politische Kirche bezieht Stellung, wenn die Gottesebenbildlichkeit plötzlich für manche Menschen nicht mehr gelten soll. Wenn unser Lebenswandel die Schöpfung gefährdet. Wenn Gesetze gemacht werden, die den Reichen nützen und den Armen schaden.

Eine nicht-politische Kirche - wenn es sie denn gäbe - wäre überflüssig, findest du nicht, liebe Konfirmandin?

Verfasser: Pfarrerin Sabine Wittekopf, Ev.-luth. Kirchengemeinde Riddagshausen-Gliesmarode