Propstei Braunschweig
30.10.21

Süßes oder Saures

Gedanken zum Reformationstag

„Süßes oder Saures!“ so rufen die Gespenster und Spukgestalten vor meiner Tür. Erschrocken bin ich trotzdem nicht. Ich habe mich längst daran gewöhnt und darauf eingestellt, dass auch bei uns in Braunschweig Halloween gefeiert wird. Der Teller mit Süßem steht bereit.

Anfangs habe ich zumindest bei meinen Kindern und deren Freunden noch versucht mit Lutherbonbons gegenzusteuern und sie animiert doch am 31. Oktober ein fröhliches Reformationsfest zu begehen. Erfolgreich war ich damit nicht. „Papa, das ist uncool!“, war das schlagende Gegenargument.

Aber stimmt das? Ist das Erinnern an die Reformation uncool? Eigentlich war das, was Martin Luther da am 31. Oktober 1517 gewagt hat, ganz schön krass. Er, ein kleiner Mönch aus Wittenberg, hat sich angelegt mit den Großen seiner Zeit, mit Papst und Kaiser. Er hat alles gewagt, selbst unter dem Einsatz seines Lebens, weil er davon überzeugt war, dass Gottes Gnade allen Menschen frei zugänglich ist. Kein materiell erkauftes Verzeihen und Vergeben, sondern die Erfahrung der vergebenden Liebe Gottes allein durch die persönliche Glaubensbeziehung. Dieses Versprechen gilt auch heute! Wir können uns Gottes Gnade nicht verdienen, Gottes Liebe nicht erkaufen, sondern nur schenken lassen. Mein ganzes Leben, alles, was ich habe, alles, was ich bin, alles und jedes, was mich umgibt ein Geschenk Gottes. Auch die Kinder in ihren Spukgestalten, die am Reformationstag Halloween feiern, sind so ein Geschenk. Ihre Aufregung und Lebensfreude erheitert und erfreut mich und gerne schenke ich eine kleine Freude zurück und reiche den Teller mit den süßen Dingen, mit Schokolade, Weingummi, Marshmallows und, ja ich kann es nicht lassen, Lutherbonbons herum.

Und ich denke im Stillen bei mir, wie schön es ist, wenn Menschen das Geschenk des Lebens so voll Freude spüren, wie diese lachenden Kinderscharen, die mit ihrem „Süßes oder Saures!“ von Tür zu Tür ziehen.

Verfasser: Lars Dedekind, Propst