Propstei Braunschweig
16.11.21

Die Freiheit, mit anderen zu teilen

Das Wort zum Sonntag

Die Freiheit, mit anderen zu teilen

 

Es ist viele Jahre her: Eine Reise nach Ghana mit meinem Bruder. Er hatte dort zuvor für ein halbes Jahr als Arzt in einem Hospital in einem kleinen Fischerdorf direkt an der Küste gearbeitet.

Eines Morgens fuhren wir mit dem Kaplan der Gemeinde zu einer der Außenstationen. Die kleine Kirche dort war voll besetzt von Menschen, die vor der anstrengenden Tagesarbeit auf ihren Feldern den Gottesdienst feierten.

Im Anschluss wurden wir als Gäste offiziell begrüßt. Die Dorfbewohner entschuldigten sich, dass sie noch nicht auf ihren Feldern gewesen waren und uns darum keine Früchte als Gastgeschenk geben konnten. So baten sie uns, etwas Geld anzunehmen, damit wir uns später ein wenig Obst kaufen könnten. Wir waren tief berührt und beschämt von dieser Geste, konnten aber diese Gabe unmöglich ablehnen! Unvergesslich ist mir eine alte, schon ganz gebeugte Frau geblieben, die in einem Blechtopf vier ganz kleine Hühnereier brachte, um sie uns zu schenken…

Sooft ich mich daran erinnere, muss ich an die Begebenheit denken, von der das Evangelium des vergangenen Sonntags erzählte: Jesus beobachtet im Vorhof des Tempels, wie die Leute Geld in den Opferkasten werfen. Viele Reiche geben auch viel. Eine arme Witwe wirft gerade zwei kleine Münzen hinein. Jesus macht seine Jüngern darauf aufmerksam und sagt: „Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.“

Jesus macht die großzügige Spende der Wohlhabenden nicht schlecht. Aber er betont ausdrücklich den Wert dessen, was Jemand gibt, der selber kaum etwas zum Leben hat.

Wenn man einmal erlebt hat, dass Menschen, die selber arm sind, mit Selbstverständlichkeit und Würde von dem abgeben, was sie haben, vergisst man das nicht wieder. Und man fragt sich, woher diese Menschen eine solche Freiheit haben, mit anderen zu teilen!

In dieser Woche war der Martinstag. Immer noch wird an vielen Orten mit Martinsspielen und Laternenumzügen an den römischen Soldaten erinnert, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte.

Es wäre schön, wenn die Erinnerung an diesen Heiligen nicht nur in der Pflege liebgewonnenen Brauchtums bestünde, sondern wenn sein Beispiel des Teilens immer wieder zu einem Impuls zum solidarischen Handeln für Arme und Notleidende wird.

 

Verfasser: Pfarrer Bernward Mnich, St. Marien, Querum