Propstei Braunschweig
09.01.22

Licht auf der Mittelinsel

Wort zum Sonntag am 09. Januar 2022

Auf der vierspurigen Straße rauschen die Autos nur so an mir vorbei. Es ist laut und der feuchte Asphalt sorgt dafür, dass es noch lauter ist als sonst. Dazu ist es kalt und ungemütlich. Ich warte auf die Lücke zwischen den Autos. Da ist sie. Ich laufe los. Bis zur Mittelinsel. Eine Straßenlaterne. Ich will weiter, aber die Autoschlange scheint endlos zu sein. Ich werde langsam wütend – als sich plötzlich alles ändert. Eine schmale Wolkenlücke sorgt dafür, dass mich das Licht der Sonne trifft. Sie hat ungewöhnlich viel Kraft. Ich bin so überrascht, dass ich die Augen schließe und mein Gesicht in diesen Sonnenstrahl drehe. Ich lehne mich mit dem Rücken an die kalte Straßenlaterne und atme ein. Und aus.

Es braucht einige Atemzüge. Aber dann habe ich habe das Gefühl, dass das Licht einen Durst stillt, den ich wochenlang ignoriert habe. Einen Durst nach Licht. Ich sauge jeden einzelnen Strahl mit meiner Haut auf. Die Sonne pustet auf die vielen kleinen Wunden und Verletzungen, die wehtun. Sie pustet ihr warmes Licht auf die Sorge, dass das anbrechende Jahr vielleicht doch gar nicht leichter wird als das letzte. Sie pustet ihr warmes Licht auf die Sorge, dass etwas in unserer Gesellschaft kaputt gegangen ist, das nicht zu kitten ist. Sie pustet auf die Erschöpfung und die Angst vor der Veränderung. Und auf die Trauer um die verpassten Chancen.

Das tut gut. Ich bleibe so lange an die Straßenlaternenpalme meiner einsamen Mittelinsel gelehnt, bis der letzte Schmerz nachgelassen hat. Ich öffne die Augen als sich die Wolkenlücke schließt. Ich schwimme auf die andere Straßenseite und bin zurück in meiner Welt. Aber sie ist nicht mehr dieselbe.

Ein Licht über Bethlehem führte die Weisen aus dem Morgenland zum Stall und in der Krippe fanden sie ein rettendes „Fürchte-dich-nicht!“ Ein Licht über einer Mittelinsel führt manchmal auch zum Heil.

Verfasser: Jakob Timmermann, Pfarrer