Propstei Braunschweig
15.01.22

Alles wird gut?!

Wort zum Sonntag am 16. Januar 2022

Auf meinen vielen Fahrten zwischen Kassel und Braunschweig habe ich im Auto die Playlist meiner Töchter gehört. Fred Rabe singt "Kummer - der letzte Song (alles wird gut). Ein Song, der sehr eingängig ist und dessen Refrain leicht zum Ohrwurm wird. „Alles wird gut. Die Menschen sind schlecht und die Welt ist am Arsch, aber alles wird gut. Das System ist defekt, die Gesellschaft versagt, aber alles wird gut. Dein Leben liegt in Scherben und das Haus steht in Flammen, aber alles wird gut, fühlt sich nicht danach an, aber alles wird gut.“ Ungeschönt und mit einer Portion Zynismus sieht Fred Rabe der Realität ins Auge.

Es richtet sich gegen aufmunternde Floskeln wie „Glaub an dich“, „Geh deinen Weg“, die wir manchmal so unbedacht anderen – auch jetzt zum Jahresbeginn – wünschen. Das Unbehagen, so schnell über Leid, Ungerechtigkeit und Schmerz hinwegzugehen, kann ich gut verstehen. Es blendet einen Teil der Wirklichkeit aus, die uns umgibt. Denn so vieles ist einfach nicht gut.

Aber zugleich spüre ich auch Widerstand in mir. Zum Aufbruch reicht diese fatalistische Sicht nicht aus. Es braucht vielmehr neue Energie, eine Hoffnung. Manchmal auch Auflehnung gegen eigenes und fremdes Leid, mit dem ich mich nicht abfinden will. Wie so oft ist es eine Frage der Perspektive.

Auch wenn nicht alles gut wird, wenn furchtbare Krankheiten und plötzlicher Tod in mein Leben einbrechen, möchte ich nicht im bloßen Fatalismus steckenbleiben. Es gibt Ereignisse, denen ich nicht bereit bin einen Sinn zuzuschreiben. Diese sinnwidrigen Dinge gilt es auszuhalten. Wohl wissend, dass auch sie endlich sind und nicht mein ganzes Leben bestimmen und ausmachen. Und für die Dinge, die sich ändern lassen, wünsche ich mir Kraft und Mut zum Handeln.
Oscar Wilde wird dieser Satz zugeschrieben: „Alles wird gut, und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende.“ Das klingt doch schon fast biblisch.

 

 

Verfasser: Kerstin Vogt, Pfarrerin