Propstei Braunschweig
12.05.18

Pröpstin Uta Hirschler am 12.05.2018 in der nb

Verboten

Wenn wir als Kinder heimlich lasen, dann geschah es mit der kleinen Schreibtischlampe unter der Bett-decke. Der einzige Zweck war, nicht erwischt zu werden, wenn wir zur Schlafenszeit noch lasen. Heute wirkt das beinahe lächerlich. Damals war es irgendwie gefährlich. Das bemerkten wir zum Glück nur ein einziges Mal, als ich beim Lesen einschlief. Die Lampe, noch mit heiß werdender Glühbirne bestückt, erhitz-te den Bettbezug so sehr, dass der Stoff schwarz und brüchig wurde. Zum Glück wurde es schnell bemerkt und es entstand weiter kein Schaden. Über welchem Buch ich eingeschlafen bin, erinnere ich nicht mehr. Werke Erich Kästners gehörten zu meinen Lieblingsbüchern, Heinrich Manns „Der Untertan“ war Klassenlektüre in der Schule und gehörte damals nicht zu den Favoriten. Beide Autoren zählten zu denen, deren Bücher am 10. Mai 1933 nicht nur in Braunschweig verbrannt wurden.

Lesen fortan verboten. Das bringt mir das Ereignis von vor 85 Jahren ganz anders nah. Was setzt Menschen so in Aktion, dass sie für Geschichten und Gedanken anderer das Feuer eröffnen? „Der Untertan“ ist vor dem 1. Weltkrieg geschrieben. Ich habe es gerade neu gelesen. Es wirbt für Demokratie und überzeichnet die Hauptperson als obrigkeitshörig, ohne Mut und Zivilcourage. Diederich Heßling sucht einfache Lösungen: „Einer soll Herr sein! Auf allen Gebieten!“ Diederich legte das vollständige Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, dass mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus aufgeräumt werden müsse.“ Der Kaisertreue könnte heute gesprochen ha-ben und würde beides verkennen: Dass einfache Lösungen in der komplexen Welt weder den Menschen noch den Herausforderungen gerecht werden, und, dass sich unter Angst und Schrecken nur bedrückt leben lässt. 

Zitat in der dtv–Taschenbuchausgabe, S.95

Verfasser: Uta Hirschler, Pröpstin