Propstei Braunschweig
15.09.18

Sommerzeit?

„Sind Sie auch gegen die Zeitumstellung? Endlich Schluss mit diesem ewigen hin und her zwischen Sommer- und Winterzeit? Und wenn ja, für welche Zeit sind Sie?“ „Ganz klar! Ich bin für die Sommerzeit! Morgens kann ich länger schlafen und abends ist es länger hell, super!“ sagt der Student. „Bloß nicht! Da geht meine Kleine sechs Wochen länger im Dunkeln zur Schule! Sie kommt jetzt schon kaum aus den Federn! Und am 1. Januar wird es dann erst um 9.30 Uhr hell! Ich bin für die Winterzeit!“ meint die Mutter der Grundschülerin. „Ich weiß gar nicht, was das Gejammer soll! Die Leute fliegen wer weiß wohin in den Urlaub und über den Jetlag beklagt sich keiner! Wir lassen es, wie es ist!“ meint der ältere Herr. So einfach ist das mit der Zeit eben doch nicht. Probleme kann man nicht einfach mit einer Online Umfrage lösen, nicht mal die Zeitumstellung. Der Begriff „Schlagwort“ bekommt für mich in letzter Zeit eine ganz neue Bedeutung: Hauptsache, mein Argument „schlägt“ das des anderen. Und dabei weiß doch eigentlich jeder: Die Zeit kann man nicht einfach so „umstellen“ oder „messen“: Manche Tage vergehen wie im Fluge, eine Minute kann zur Ewigkeit werden. Der Philosoph Byung-Chul Han hat drei Jahre lang täglich in seinem Garten gearbeitet, sommers wie winters. Er sagt: „Der Garten schenkt mir Zeit. Jede Pflanze hat ihr eigenes Zeitgefühl. Herbstkrokusse und Frühlingskrokusse sehen sich ähnlich, aber sie haben ihre ganz eigene Zeit.“ Ein Tag im Sommer ist etwas ganz Anderes als ein Wintertag. Wenn wir das nicht mehr spüren, dann wird die Welt uns stumm, dann trägt die Zeit eine graue Uniform. 24 Stunden. Immer gleich. In der Bibel heißt es: „Alles hat seine Zeit.“ Du lebst, wenn du sie spürst.

Verfasser: Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini