Propstei Braunschweig
15.10.18

Pröpstin Uta Hirschler am 13.10.2018 in der nb

Erinnert

Neulich hatte ich Gelegenheit einmal wieder an den alten Studienort zu fahren und in die Kirche zu gehen, die ich damals häufig besuchte. Es ist ein mittelalterlicher Bau mit wenig, aber alter Ausstattung. In der Bank sitzend fand ich Ruhe, die ich gar nicht gesucht hatte. Wie unerwartet vertraut es war. Schnell kehrten Erinnerungen zurück, die längst vergangen und erledigt waren. Eine Wiederbegegnung mit der Geschichte der Nächsten, deren Bilder mir da vor Augen standen: Prüfungsgedanken und Krankengeschichten, glücklich Verliebte und Hochzeitspläne, die Herausforderung ungewollter Kinderlosigkeit im Freundeskreis, Hungersnöte weltweit, ethnische Konflikte im ehemaligen Jugoslawien, der erste Irak-Krieg und manches mehr. Als ich da saß - Jahrzehnte später - war alles wieder lebendig; Spuren, die das Gemäuer mir offenbar gut bewahrt hatte.
Mein Blick glitt über die soliden Säulen zum alten Altarbild: Wie viele Menschen in ganz unterschiedlichen Zeiten hier vor mir wohl schon ein und aus gegangen sind und sich haben einladen lassen, die Gedanken schweifen und Erinnerungen lebendig werden zu lassen?
Vor der Reformation standen hier sicher viele Altäre. Das gottesdienstliche Leben funktionierte anders und handelte doch genauso vom Leben der Menschen. Seither hat diese Kirche verschiedenste Kriegszeiten überlebt. Sorgen und Nöte werden hier geklagt und vor Gott getragen worden sein, ebenso wie große Freude; und sicher hat hier manche Person das eigene Leben durchbuchstabiert und mit der Zuversicht verknüpft, die sich in einer modernen Übersetzung von Psalm 16 so liest:
„Gelesen hab ich, was geschrieben steht, mir anvertraut an unbewiesenen Worten: Wege zum Leben ließest du mich erkennen, nicht für den Abgrund hast du es gemacht.“







Verfasser: Uta Hirschler, Pröpstin