Propstei Braunschweig
10.11.18

Pröpstin Uta Hirschler am 10.11.2018 in der NB

Verluste - lebendig

Die Wilhelm-Raabe-Preisverleihung an Judith Schalansky letzten Sonntag ist verklungen. Wer sie gehört hat, hat tiefgründiges Fabulieren über Archiviertes und die Freude am Erinnern mancher Verluste erlebt und vielleicht noch im Sinn. Wer nicht dabei war, kann dem Vergangenen neu begegnen durch Radiohören am 24.November. Weit weniger lustvoll ist es, der Verluste der Reichspogromnacht 1938 zu gedenken. Meist steht dabei nicht so sehr das Verlorene, sondern vielmehr die Art und Weise des Verlustes im
Mittelpunkt.

Als vor achtzig Jahren Synagogen brannten und ihre Kulturschätze verloren gingen, war dies ein vorsätzliches, unrechtmäßiges und bis heute unfassbares Geschehen. Mit roher Gewalt wurde zerstört. Feuerwehr und andere Kräfte, die zum Schutz vorgesehen waren, erhielten den Auftrag, das Unrecht geschehen zu lassen oder wurden am Einsatz gehindert. Bürger unterstützten die Gewalt oder wichen vor ihr zurück und sahen weg. All das ist bekannt, inzwischen vielfach erforscht und dokumentiert. Es bleibt ein empörender Rechtsbruch, der zeigt, dass Staat und Gesellschaft ein Stück ihres Fundaments verlieren, wenn sie keine Rechtssicherheit bieten. Mit dem Unrecht gegen die jüdischen Gemeinden gingen 1938 deutsche Kulturschätze verloren. Das Fehlen des Verlorenen prägt auch Braunschweig bis heute.

Was wäre, wenn sich Christentum und Judentum in friedlicher Koexistenz weiterentwickelt hätten? Sie hätten hoffentlich bei bleibenden Wahrheitsansprüchen religiöse Koexistenz eingeübt, die heute die Ge-sellschaft prägte. Laut Vorwort lässt Judith Schalanskys Buch „erahnen, dass der Unterschied zwischen An- und Abwesenheit womöglich marginal ist, solange es die Erinnerung gibt.“ Damit ist für die Erinnerungskultur ein guter Horizont aufgezeigt: Wenn Menschen sich dem Zerstörten und Verlorenen mit Interesse und Mitgefühl zuwenden, es erfahren und in ihnen lebendig wird, wird es für das Zusammenleben sicheren Grund geben.

Verfasser: Uta Hirschler, Pröpstin