Propstei Braunschweig
17.11.18

Pröpstin Uta Hirschler am 17.11.2018 in der NB

Ein Tröpfchen

Bestimmt 20 Münzen lagen neulich fast genau auf einem Fleck am Rand der Fußgängerzone. Viele Menschen gingen daran vorbei. Ich sah sie vom Fahrrad aus liegen und fragte mich, was wohl passiert ist, dass jemand heruntergefallene Münzen nicht wieder eingesammelt.
„Wer wird das Geld wohl aufheben?“ Ich habe mir vorgestellt, dass es jemand nimmt, der das Geld wirklich braucht. Vielleicht jemand von denen, die durch die Stadt wandern und in der Dämmerung nach leeren Pfandflaschen und anderem Verwertbaren suchen. Jemand von den Leisen. Vielleicht jemand von denen, die in ihrem Beruf so wenig verdienen, dass sie nur mit Mühe eine Wohnung bezahlen können.
Die junge Friseurin aus Frankfurt/Main kam mir in den Kopf, die in der aktuellen ARD-Themenwoche Gerechtigkeit portraitiert ist. Ihr Verdienst liegt bei € 1.265,- brutto. Davon bleiben ihr € 1.050,- für Miete, Lebensmittel, Kleidung und alles, was zum Leben nötig ist. Ihre Lage teilen sicher manche Pflegekräfte, sicher auch pädagogische Mitarbeitende auf Teilzeitstellen und bestimmt noch andere.
Da verbindet sich die Frage nach der Lebensperspektive mit der nach der Gerechtigkeit: Wer sich einsetzt und arbeitet, soll nicht nur überleben, sondern am Leben teilhaben können.
Lebensmittel und Gerechtigkeit gehörten auch für den Propheten Jesaja schon zusammen. Er schrieb:
„Träufelt ihr Himmel, von oben, und ihr Wolken, regnet Gerechtigkeit! Die Erde tue sich auf und bringe Heil, und Gerechtigkeit wachse mit auf! Ich, der HERR, habe es geschaffen.“
Wer auch immer die Münzen neulich aufgehoben hat, fand ein Tröpfchen auf dem heißen Stein. Uns alle aber können sie daran erinnern, dass Gerechtigkeit und Lebensperspektive zusammen gehören und unsere gemeinsame Aufgabe sind.





Verfasser: Pröpstin Uta Hirschler