Propstei Braunschweig
21.11.18

Heute einen Krieg beenden!

Es ist Winter in Kabul. In einem kargen Sprechzimmer beim Roten Halbmond sitzt Kemal. Ein Jahr war der Junge in Deutschland, damit sein von einer Mine zerstörter Arm gerichtet wurde. Sein Betreuer gibt ihm zum Abschied die Hand. Er zieht den Jungen zu sich, schaut ihm fest in die Augen und sagt: „Die Ärzte haben dir deinen Arm zurückgegeben. Mit dieser Hand rührst du niemals eine Waffe an, verstanden?“ Kemal nickt. Er hat verstanden.

Als junger Pastor stand ich im November vor den Gedenktafeln der gefallenen Soldaten unserer Dörfer. Daran dachte ich bei Kemals Geschichte. Jene Männer, deren Namen und Lebensdaten auf den Ehrenmalen in Stein gemeißelt waren, haben Waffen in die Hand genommen. Euphorisch, aus Vaterlandsliebe, dazu gedrängt oder ideologisch verblendet. Sie alle starben viel zu früh – manche mit 32, 25 oder 19 Jahren. Für mich war und ist das schwer zu begreifen.

Heute einen Krieg beenden!* So lautet eine Kampagne zum Buß- und Bettag, den wir als evangelische Kirchen heute, am 21. November, begehen. Es ist ein Feiertag eigener Art: zum Innehalten, eine Aufforderung, unsere menschlichen Konflikte bewusster anzusehen, mit uns selbst und anderen wieder ins Reine zu kommen, Schuld einzugestehen und Gott für Kraft zu neuen Anfängen im Großen und Kleinen zu bitten.

„Mit dieser Hand rührst du niemals eine Waffe an, verstanden?“ Kemal und die Opfer der Kriege und Konflikte gestern und heute erinnern daran, dass Frieden mit uns selbst und anderen harte Arbeit ist, dass er von behutsamen Gesten der Versöhnung lebt und klare Haltung braucht, die Schuld nicht nur bei anderen sucht. Behandle jeden Menschen mit Respekt! Jeder ist wie du! Rede anstatt zu streiten! Hab, wo es nötig ist, den Mut zum ersten Schritt auf den anderen zu! Ein Lichtblick ist jeder Mensch, der das für sich begriffen hat.

* Mehr zum Buß- und Bettag 2018 auf www.busstag.de.



Verfasser: Pfarrer Henning Böger, St. Magni