Propstei Braunschweig
10.12.18

Es kommt ein Schiff geladenen

Daniel steht am Strand des Rheins. Er liebt es, dem so gleichmäßig dahinströmenden Fluss zuzuschauen. Ab und an sieht er ein Schiff vorbeifahren. Daniel ist unruhig, weil er in einer unruhigen Zeit lebt. Der 30jährige Krieg hat das Land bereits nachhaltig zerstört. Dörfer und Herzen verwüstet. Daniel wartet auf bessere Zeiten, auf Veränderung, auf Ruhe. Er summt die Melodie eines alten Marienliedes. Wie die Wellen, die ans Ufer rollen, so geht auch sie auf und ab, hebt und senkt sich wie ein großes Schiff auf dem Wasser. Er liebt die Bewegung, die in dem Lied steckt. Hoffnung auf Besserung spürt er, wenn die Melodie aufsteigt und sich das Segel der Liebe mit Wind füllt. Dann kommt die Gnade auf die Erde und die Liebe erreicht endlich seine Welt.
Davon erzählt dieses alte Lied: Von der Tatsache, dass das Göttliche auf die Erde kommt und das Himmlische sich mit dem Irdischen verbindet. Am 4. Advent 1626 stellt Daniel der evangelischen Gemeinde in Straßburg sein neues Adventslied vor. Es handelt von einem Weihnachtsschiff, das nach langer Fahrt endlich in den Hafen einläuft, dort vor Anker geht und den Menschen Hoffnung bringt. Es heißt „Es kommt ein Schiff geladen“ und seine eindrucksvolle Bildsprache erreicht die Menschen sofort: Da ist ein Schiff, wie ein bergender Schoß, wie die schwangere Maria. Das Schiff und Maria, beide tragen eine kostbare Fracht. Diese Verbindung gefällt Daniel und er malt weiter an dem Bild des Schiffes, das seine kostbare Fracht zu den Menschen bringen will.
Für ihn ist klar:Dieses Schiff braucht Zeit für seinen Weg. Schließlich war Maria auch mehrere Monate schwanger. Und auch bis Jesus bei den Menschen ankommt und sich seine Botschaft durchsetzt braucht es Zeit. Das ist ein langsamer Prozess. Aber am Ende, darauf vertraut Daniel, bringt Gott Ruhe in die Unruhe.
Manches aus der Zeit von Daniel Sundermann erinnert an die Situation heute: Immer noch herrscht Krieg auf der Welt, unverhohlen droht man einander ganz bequem über Facebook oder Twitter und auch die Stimmung wird aggressiver. Viele haben die Hoffnung auf Besserung längst aufgegeben und sich arrangiert.
Daniel steht immer noch am Strand des Rheins. Er träumt von Frieden und Sicherheit für alle Menschen. Er glaubt an Barmherzigkeit und Nächstenliebe und daran, dass Gott zu uns auf dem Weg ist.
In Gedanken stelle ich mich neben ihn und summe mit ihm sein Lied.


Verfasser: Pfarrer Jens Paret