Propstei Braunschweig
19.01.19

Flügel der Morgenröte

Weiß, weich und so pulverig, dass er mit den Füßen beim Gehen in die Luft gewirbelt werden kann. So habe ich den Neuschnee aus Kindertagen am Alpenrand in Erinnerung. Wenn er wärmer und klebrig war, warfen wir uns mit Begeisterung in ein unberührtes Stück Schnee. Wir spürten auf dem Rücken liegend den kühlen, tragenden Grund, bewegten die gestreckten Arme und Beine hin und her und brachten damit „Engel“ in die Welt. So wurde im kühlen Weiß die Welt in Besitz genommen bis es keinen frischen Schnee mehr gab oder unsere Kräfte erschöpft waren. Dann zogen wir zufrieden weiter. Schnell noch die Engel gezählt und verglichen:

Wer hatte am meisten geschafft? Und wie viele zusammen? - Kinderwege, sich die Welt anzueignen, eigene Lebendigkeit zu spüren und Wege ins Leben zu finden. Größere probieren anderes aus, fahren abseits der Pisten im unberührten Neuschnee und ziehen ihre Spuren. Andere reisen in fremde Länder, schlagen sich durch, sammeln Erfahrungen. Es ist die produktive Unruhe des Lebens: Junge Leute suchen, sie leben ihre Freiheit und loten Möglichkeiten aus für die Perspektiven des eigenen Weges. Die Veränderung dessen, was sie selbst geprägt hat, gehört dazu.

Weisheiten und Warnungen der geliebtesten Bezugspersonen werden nur gelegentlich gehört, selbst wenn deren gute Wünsche und Gebete die Basis des eigenen Aufbruchs sind. Wer das Leben in die Hand nimmt und eigene Wege sucht, kann komplett scheitern oder alles gewinnen. Da ist es gut zu wissen, dass man in den Herzen anderer einen wichtigen Platz hat. Wenn dieser Ort trägt, entsteht Halt, der Scheitern überwinden kann.           Der Psalmbeter hat ge-nau das gewusst und ausgedrückt bei seinem Gedankengang ans Ende der Welt: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich hal-ten.“

Verfasser: Pröpstin, Uta Hirschler