Propstei Braunschweig
09.02.19

Pröpstin Uta Hirschler am 09.02.2019 in der nb

Links und rechts

Laut Wetterbericht wird heute Nebel über der Themse liegen. Weder Waterloo noch Tower Bridge und auch nicht das Riesenrad London Eye werden uns einen guten Ausblick auf die Stadt bieten, wenn wir unseren Abschiedsbesuch in London vor dem derzeit anzuehmenden Brexit-Termin unternehmen. Doch innen werden die Ansichten großartig und die Sehenswürdigkeiten bewundernswert sein; kleine und große Märkte werden so belebt und die Menschen so freundlich sein, wie wir sie von früheren Besuchen in Erinnerung haben.
Und dennoch ist für mich diese möglicherweise letzte Stippvisite in der englischen Hauptstadt vor dem Austritt aus der EU sehr besonders. Denn plötzlich ist die Frage dann auch für uns Touristen in den Blick geraten: Wird alles anders, wenn England aus der EU ausscheidet? Nicht nur: Werden wir künftig ohne Reisepass abgewiesen? Kann man noch ohne Probleme zum Studium herkommen? Sondern vielmehr: Wird es sich für uns weniger willkommen anfühlen, diese Stadt zu besuchen? Und werden unsere in England lebenden, deutschen Freunde größere Mühe haben als bisher, ihre Kinder hier groß zu ziehen, für sie Schul- und Ausbildungsplätze, Krankenversorgung und Perspektiven zu finden?
Seit ich verständig und interessiert genug war, um britische Politik zu verfolgen, sind mir EU-kritische, britische Töne vertraut. Margret Thatcher hat sie als langjährige Premierministerin fest etabliert. Europakritiker und Demagogen haben sich durchgesetzt. Die Verantwortlichen bleiben sich in ihrem Pokerspiel treu bis zuletzt und riskieren viel um des vermeintlichen eigenen Vorteils willen.
Bei unserem Abschiedsbesuch an diesem Wochenende denke ich an die Geschichte von Abraham und Lot, die so pragmatisch und so viel einfacher klingt als das, was wir hier erleben: Nach Osten, links über den Jordan zieht der eine und im Westen, rechts des Jordans bleibt der andere. Und beide finden ihr Auskommen und gutes Leben.
Vielleicht lichtet sich ja auch hier der Nebel noch zu einer pragmatischen und respektvoll lebbaren Perspektive für London, Berlin und alle, die davon abhängen.









Verfasser: Uta Hirschler, Pröpstin