Propstei Braunschweig
09.02.19

Von guten Mächten

Immer wieder mache ich bei mir und auch bei vielen anderen die Erfahrung, dass Musik Menschen berührt, tröstet, stärkt, eine Sprache ist, die Leben noch einmal ganz anders und tiefer ausdrückt, als es Worte vermögen. Und so gibt es auch viele Lieder, wo Musik und Text in besonderer Weise zusammen kommen und Kraft entwickeln, dass Seelen berührt werden. Immer dann, wenn der Blick auf einen Neubeginn gelenkt wird, aber auch in Zeiten der Trauer und des Trostes kommt dabei ein einzigartiges Lied zum Erklingen. Im Evangelischen Gesangbuch finden wir es unter der Nummer 65: Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
Welch ein Text liegt diesem Lied zugrunde! Ein geistliches Gedicht voll poetischer Kraft, das allein beim Lesen zu Herzen geht.
Dann der Kontext, in dem diese Worte entstanden: Dietrich Bonhoeffer, Pfarrer und Gegner des Nazi-Regimes, hat sie im Gefängnis im Dezember 1944 verfasst im Weihnachtsgruß an seine Verlobte Maria von Wedemeyer.
Inzwischen gehört dieses Gedicht zu den bekanntesten theologischen Texten des 20. Jahrhunderts und begleitet Menschen auf ihren Lebenswegen. Und es ist ein Lied geworden. Mehr als 70 Komponisten sind bekannt, die sich mit dem Lied beschäftigt haben, und es ist wohl noch nicht entschieden, welche Melodie sich schließlich durchsetzen wird.
Manche schwören auf die von Siegfried Fietz, die an der Popularmusik orientiert ist. Für viele die einzig denkbare zu diesem Text.
Das Evangelische Gesangbuch hat sich für die 1959 entstandene Melodie von Otto Abel entschieden. Sie ist eher an traditioneller kirchenmusikalischer Tonsprache orientiert. Die Melodieteile, die die Erfahrungswelt der Menschen ausdrücken beginnen ihre Linie von unten her. Im Gegensatz dazu: Von oben fließt die Melodielinie, deren Worte uns Menschen die Gegenwart Gottes zusagen in unsere irdische Welt hinab. Gott ist da - im Zweifel, in der Angst, in der größten Not. Vielleicht haben ja auch Sie Ihr Lieblingslied, das Sie durchs Leben trägt? Ich jedenfalls wünsche es Ihnen!

Verfasser: Pfarrer Jens Paret