Propstei Braunschweig
16.02.19

Pröpstin Uta Hirschler am 17.02.2019

Anstand

Neulich hatte ich einmal wieder Gelegenheit das Grab meiner Großtante zu besuchen. Seit fünf Jahren ist sie tot und die Erinnerung an ihr Erzählen lässt in mir noch immer auch die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts lebendig werden.
Kommende Woche, am 23. Februar 2019 ist der 120. Geburtstag des Schriftstellers Erich Kästner. Er war nur wenige Jahre älter als sie. Persönlich haben die beiden sich nicht kennengelernt, aber ich stelle mir vor, sie hätten sich gut verstanden. Er ermutigt die Hauptfiguren in seinen Büchern stets, ihrem inneren Kompass und Gewissen zu folgen und zu tun, was sie für richtig halten. Sie sind fleißig, anständig, tapfer und ehrlich. So zu werden, wie z.B. Emil und Anton, das wünscht er sich von und für viele Jungen. „Denn aus dem Emil, dem Anton und allen, die den beiden gleichen, werden später einmal sehr tüchtige Männer werden. Solche, wie wir sie brauchen können.“ Mit diesen Worten lässt er das 1930 fertig gestellte Kinderbuch „Pünktchen und Anton“ enden. Anstand macht Spaß und lohnt sich. Das ist die Moral seiner rührenden Kinderbücher. Und für die Erwachsenen führt er in „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ vor, dass Geldverdienen nicht die Hauptsache ist, und der Mensch nicht froh dabei wird „sein Gewissen, wegen zweiter Hundertmarkscheine im Monat, Tag für Tag zu chloroformieren“.
Meine Tante war wohl 25 Jahre alt, als Kästner „Pünktchen und Anton“ schrieb und sicher so kinderlieb und voll Vertrauen in die Stärke und Größe von Kindern, wie ich sie Jahrzehnte später kennenlernte. Sie selbst durfte noch nicht den Beruf ergreifen, für den sie Interesse und Talent zeigte. Die Schauspielerei zieme sich nicht für sie, meinte ihr Vater. Dabei waren Anstand und sein Gegenteil - und sind es bis heute - viel mehr im Gewissen als in Äußerlichkeiten begründet.

Uta Hirschler, Pröpstin

Zeitansage 16.2.2019

Verfasser: Uta Hirschler, Pröpstin