Propstei Braunschweig
16.03.19

Pröpstin Uta Hirschler am 16. März in der nb

Enttäuschtes Vorurteil

Ein Hirsch, eine Maus und ein Fisch bewegen sich gemeinsam am Fluss entlang. Plötzlich sehen sie einen Bär am Ufer und bekommen Angst. Sie wollen ausweichen. Jedoch kann der Fisch nicht einfach an Land kommen und einen Umweg bewältigen. Die Tiere nehmen einen Eimer. Sie füllen ihn mit Wasser und stecken den Fisch hinein. Den Eimer ans Geweih des Hirsches gehängt, beginnen sie ihre Flucht vor dem großen Bären. Jedoch erfolglos. Der Bär stellt die tierischen Gefährten und verschluckt den Fisch, der sich in höchster Todesnot befand, da durch einen Sprung im Eimer der Wasserspiegel bedrohlich gesunken war. Dann eine unerwartete Wendung: Der gefährliche Bär läuft direkt zum Fluss. Dort spuckt er den Fisch unversehrt wieder aus und rettet ihm so das Leben.
Eine wunderbare Geschichte, die in einem Kinderbuch erzählt wird. Sie weist auf Ausgrenzung und vorhandene Vorurteile hin. Denn so funktioniert das menschliche Gehirn: Vorhandene Personen und Informationen werden mit erfahrenen oder vermeintlichen Fakten hinterlegt.
Der Bär ist demnach gefährlich und stellt eine lebensbedrohliche Gefahr für die anderen dar.
Der Bär im Buch benimmt sich jedoch nicht wie erwartet und entlang der üblichen Vorstellungen. Und so wird aus Entsetzen und Wut der anderen Tiere über das Verschlucken des Fisch-Freundes, ganz schnell Dankbarkeit, dass der Bär dem Fisch zum Überleben geholfen hat.
Genau solche überraschenden Wendungen erlebe und genieße ich in diesen Tagen bei der Vesperkirche: Die Erwartung, die das Gehirn beim ersten Anblick produziert und zur Verfügung stellt, erweist sich als ganz falsch. Stattdessen wachsen beim Zuhören und Kennenlernen der Nachbarn am gemeinsamen Mittagstisch Verständnis und Mitgefühl. Für künftige Treffen wird das Gehirn andere Erwartungen zur Verfügung stellen. Darüber freue ich mich.









Verfasser: Uta Hirschler, Pröpstin