Propstei Braunschweig
23.03.19

Menschen reifen lassen

Wer in der Kinderkrippe unserer Gemeinde zu Gast ist, der liest im Eingang einen tollen Satz: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Das ist ein afrikanisches Sprichwort. Die Mitarbeitenden haben es sich zur Eröffnung der Krippe vor gut zehn Jahren in schwarzen Buchstaben auf die grüne Wand gewünscht als tägliche Erinnerung an einen wichtigen Erziehungs-grundsatz: Manche Dinge lassen sich nicht künstlich beschleunigen. Es gibt Dinge, die brauchen ihre Zeit. Auch die Entwicklung eines Menschen gehört dazu.

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Da ist es doch schon erstaunlich, was wir heutzutage unserem Nachwuchs alles möglichst früh beibringen wollen. Viele Kompetenzen sollen die Kinder erwerben, Sprachen lernen, Wissen sammeln usw. So als wären sie ein leeres Gefäß, das wir als Erwachsene nur befüllen müssten; und zwar entsprechend unserer eigenen Schwerpunkte oder der zukünftigen Herausforderungen in der Welt.

Manchmal habe ich das Gefühl, als hätten wir Eltern vor lauter Befüllungs-Eifer glatt vergessen, dass unsere Kinder gar keine leeren Gefäße sind! In denen ist schon ganz viel drin, nur übersieht man das schnell, weil es zunächst unsichtbar ist und sich erst im Laufe eines Lebens vollständig zeigen wird. Auch der Mensch reift langsam und muss sich entwickeln dürfen.

Wenn wir davon reden, dass Gott unser Schöpfer ist, sagen wir damit auch: Gott hat jedem von uns besondere Gaben, Talente und Fähigkeiten mitgegeben; eine Fülle von Möglichkeiten, aus denen wir selbst schöpfen dürfen und etwas machen können.

Es wäre schön, wenn wir vor lauter Fördern und Lehren nicht übersehen, dass jeder Mensch sein Besonderes hat. Und dass dieses Besondere auch Platz und Zeit braucht, um sich zu entfalten. Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Das ist wohl wahr!


Verfasser: Pfarrer Henning Böger