Propstei Braunschweig
06.04.19

Die Welt mit den Augen eines Kindes entdecken

„Behütet auf neuen Wegen“: Pilgerbegleiter Sepp Pongratz führt über den historischen Jakobsweg im Braunschweiger Land

Pilgergruppe fast am Ziel: Die Pilgergruppe vor der Kirche in Erkerode, ganz rechts die Pilgerbegleiter Jens Fischer und Sepp Pongratz.

Es muss nicht immer Santiago de Compostela sein. Wer einmal den Jakobsweg entlangpilgern will, kann sich auch im Braunschweiger Land auf den Weg machen, beispielsweise mit Pilgerbegleiter Sepp Pongratz. An diesem sonnigen Samstag führt der ehemalige Architekt eine Gruppe von mehr als 20 Personen - viele Frauen und einige Männer - durch das Reitlingstal im Elm: „Behütet auf neuen Wegen“, so das Thema der rund 17 Kilometer langen Strecke, die in der Nähe der historischen Handelsstraße Hellweg entlangführt. Diese lange Zeit vergessene Route nutzten die Menschen bereits vor Jahrhunderten auf ihrer Pilgerreise nach Spanien.
„Pilgern heißt nicht nur, einen Weg von A nach B zu gehen“, sagt Pongratz, der eine Ausbildung zum Pilgerbegleiter absolviert hat und an diesem Tag von Jens Fischer begleitet wird. „Pilgern ist vieldimensional, es regt zum Querdenken an, soll die Augen öffnen und alle Sinne ansprechen.“ Dafür gibt er geistige Impulse, er liest einen Psalm, zitiert den spätmittelalterlichen Theologen Meister Eckhart und den chinesischen Philosophen Laotse und er ermahnt die Teilnehmer zur Achtsamkeit. Er fordert sie auf, die Welt mit den Augen eines Kindes wahrzunehmen, die zwitschernden Vögel zu hören, die Rinde eines Baumes zu fühlen, die frische Waldluft zu riechen.
Auf der landschaftlich reizvollen Tour gibt es viel zu entdecken: den weiten Blick von einer Anhöhe ins Braunschweiger Land, die Überreste alter Fluchtburgen im Elm, aufgeschreckte Wildschweine, die den Weg kreuzen, das frische Grün des Bärlauchs, das malerische Reitlingstal. In dem kleinen Dorf Erkerode kühlen die ersten ihre Füße im Bach Wabe, der mitten durch den Ort fließt, in Lucklum bietet die kleine Kirche des Rittergutes Gelegenheit zum Innehalten und zu einem gemeinsamen Lied. In den kleinen Dörfern holen einige ihre Pilgerpässe aus dem Rucksack und dokumentieren mit Stempel und Datum, dass sie einen Abschnitt des historischen Jakobsweges absolviert haben. Immer wieder gibt es Strecken, die die Teilnehmer schweigend absolvieren, die gelbe Pilgermuschel auf blauem Grund weist den Weg.
Pongratz ist es wichtig, dass sich alle auf die Stille einlassen: „Jeder soll seinen eigenen Weg suchen und auch finden.“ Pilgertouren haben ihn schon immer begeistert. Nach mehrere Etappen auf dem spanischen Jakobsweg und in Italien führt er jetzt die Menschen auf den Wegen zwischen Helmstedt und Riddagshausen. Und er hat sich für den Aufbau der Pilgerherberge in Veltheim eingesetzt und dabei kräftig mitangefasst. Hier können sich die Teilnehmer am Abend bei einer schmackhaften Möhrensuppe stärken und für fast alle steht fest: Das war nicht die letzte Pilgertour – und warum soll es dann nicht doch einmal nach Santiago de Compostela gehen.

Info
Das Pilgerbüro im Theologischen Zentrum organisiert bis in den Herbst hinein ein- und mehrtägige Pilgertouren im Braunschweiger Land, hier wird auch die Ausbildung zum Pilgerbegleiter angeboten. Nähere Informationen unter www.braunschweiger-jakobsweg.de und www.abt-jerusalem-akademie.de oder unter Telefon 0531-1205417.



Verfasser: Rosemarie Garbe