Propstei Braunschweig
30.04.19

Der Ruf des Wiedehopfs

Früh am Morgen ist es. Noch vor Einbruch der Dämmerung. Da macht sich Maria auf den Weg zum Grab. Sie ist in ein dunkles Gewand gehüllt. Es wiegt so schwer wie ihre Trauer. Sie hat Öle dabei, um Jesus zu salben.
Maria fühlt die Leere in ihrem Herzen. Diese Lücke, die niemand füllen kann. Die Liebe, die verloren ist.
Und doch: Weicht die Dämmerung. Es wird Morgen. Licht breitet sich zaghaft aus. Ein Wiedehopf stimmt sein Lied an. Er begrüßt den Tag.
Genau in diesem Moment erreicht Maria das Grab. Sie bleibt stehen. Mitten im Garten. Zwischen Lilien und Veilchen Sie realisiert nicht, was sie sieht. Das Grab steht offen. Einfach so.
Von Jesus ist nichts zu sehen. Nur noch eines: das Leinentuch. Es riecht nach ihm. Wo ist er? Wer hat ihn weggenommen?
Maria merkt gar nicht, wie Tränen in ihre Augen steigen. Ihr Herz zieht sich zusammen. Sie wendet sich ab. Sie sieht einen Gärtner im Garten stehen. Sie sieht ihn wie durch einen Schleier. Das Licht scheint auf ihn. Maria geht zu ihm. Ein zaghafter Satz: „Sag mir, wo er ist!“ Er schaut sie an. Sagt nur: „Maria“.
Die Schwelle. Sie ist da. Sie muss sich nur überwinden. Sie flüstert: „Rabbuni. Meister.“
Es ist, als könnte sie nun sehen. Wirklich sehen. Ohne Schleier. Das Morgenlicht. Und den Garten. Den Wiedehopf. Die Lilien. Das immerwährende Grün. „Wenn du nur richtig hinschaust, kannst du sehen, dass die ganze Welt ein Garten ist.“(F. H. Burnett.)
Maria erzählt allen davon: „Ich habe Gott gesehen.“

Verfasser: Pfarrerin Johanna Klee