Propstei Braunschweig
18.05.19

Großzügig aufgerundet

Sie traut ihren Augen nicht. Ein Trinkgeld von über 500 Euro bekommt sie. Wo gibt es denn so was? In Amerika, in diesem Jahr! Da erzählt eine Kellnerin ihrer Kollegin, dass sie finanziell in der Klemme steckt: Sie kann die Miete für ihre Wohnung nicht zahlen. Sie wird obdachlos, sagt sie und weint laut. Zwei Gäste müssen das Gespräch mit angehört haben. Als sie ihr Essen bezahlen, runden sie großzügig auf: von 60 auf 600 Euro, umgerechnet. Als die Kellnerin abrechnet, traut sie ihren Augen nicht. Sie dreht sich um, aber die Männer sind weg. Sie läuft auf die Straße und sucht. Vergeblich. Sie muss wieder weinen, aber nun aus Freude.

Geben und Danken, das ist auch die Welt. Die Welt ist nicht nur Jammern und Klagen; nicht nur Krieg und Härte und Hass. Die Welt ist auch Geben und Danken. Und noch schöner ist es, wenn, wie hier geschehen, ganz ohne große Worte und Gesten gegeben wird: Die beiden großzügigen Helfer verschwinden. Sie wollen nicht als Gönner erscheinen, sondern nur mal helfen. Und Gutes tun, weil sie es können. Ganz einfach so.

Ich sehe diese Geschichte wie einen Spiegel vor mir. Sie fragt: Könntest du das auch? So großzügig sein? Gutes tun, weil du es kannst? Ganz einfach so? Mit deinem Geld oder auch ganz anders?

Es gibt so viele Geschichten vom Gutsein; davon, dass Menschen einander wahrnehmen und gegenseitig zum Leben aufhelfen. Manchmal brauche ich diese Geschichten, um die Welt ertragen zu können mit ihren schlechten Nachrichten von Gewalt und Konflikten.

Da ist es wie Aufatmen, einfach nur gut zu sein. Es wenigstens zu versuchen. Glauben heißt auch, ins Leben zu vertrauen, mit Gottes Hilfe nicht bitter oder abschätzig zu werden, sondern dankbar zu sein und gut sein zu wollen mit anderen. Geben und Danken sind ein großes Paar. Es ist der schönere Teil dieser Welt.



Verfasser: Pfarrer Henning Böger