Propstei Braunschweig
23.07.19

St. Andreas: Im Dach nagt der Zahn der Zeit

Die Sanierung kostet 920.000 Euro - weil in den Dachbalken giftige Substanzen entdeckt wurden.

Dachstuhl St. Andreas

Unübersehbar: Am Dach von St. Andreas hat der Zahn der Zeit genagt. Nach dem Krieg, in den 1950er-Jahren, war es neu gedeckt worden, weil viele Ziegel den Feuersturm nicht überlebten. "Sie zerplatzten bei der großen Hitze, als die alte Waage brannte, oder sie wurden von den Druckwellen der Fliegerbomben vom Dach geschleudert", berichtet Pfarrer Peter Kapp, der in alten Kirchenbüchern nachgeblättert und dort gelesen hat: Einen Treffer wie St. Magni erhielt seine Kirche nicht, bis zu 100 Menschen suchten bei Bombenalarmen hinter den dicken Kirchenmauern Zuflucht - und sie überlebten, während es draußen um die Kirche herum brannte.
Am 13. August 1944 hatte das Pfarrhaus nebenan einen Volltreffer erhalten, Brand- und Sprengbomben trafen zudem die Kirche selbst. Das Dach wurde beschädigt, sämtliche Fenster durch Explosionen zerstört. In der Nacht des schwersten Angriffs auf Braunschweig vom 14. auf den 15. Oktober 1944 fingen schließlich die Türme Feuer und brannten wie zwei riesige Fackeln, stürzten aber dank der Ziegelausmauerung von 1913 nicht ein.
Lange ist's her. Jetzt, 2019, kommen neue Dachziegel auf das Kirchenschiff, das um 1230 als Basilika errichtet wurde. Mehrere hundert sind es. Wobei einige der alten "noch gut" seien, wie Pfarrer Kapp befindet. Mit ihnen soll der Turm im Osten der Kirche eingedeckt werden.
Wer im Bestand baut, erlebt Überraschungen. Das ist bei St. Andreas nicht anders. Denn schon bald nach Baustart im April stellte sich heraus: Irgendetwas stimmt nicht mit dem betagten Gebälk. Kapp: "Ein Arbeiter bekam einen Hautausschlag. Daraufhin haben wir die Arbeiten sofort gestoppt und eine Holzprobe entnommen." Die Untersuchung zeigte: Die Zimmerleute wollten nach dem Krieg offensichtlich auf Nummer sicher gehen mit dem Holz - und behandelten es mit den damals handelsüblichen Holzschutzmittel wie Lindan und PCB (Polychlorierte Biphenyle) - giftige organische Chlorverbindungen, die seit 1989 in Deutschland als Holzschutzmittel verboten sind. Lindan ist ein Halogenkohlenwasserstoff, der als Insektizid genutzt wurde und seit 1984 nicht mehr hergestellt wird. Kurzum, die Quedlinburger Baufirma entschied: Hier können wir nur in Schutzkleidung weitermachen, das Altholz muss entsorgt werden. Eine böse Überraschung für die Kirchengemeinde. Peter Kapp: "Das Schadensbild war leider nicht im Voranschlag enthalten. Es treibt die Kosten 160.000 Euro nach oben - und die Bauzeit verlängert sich auch bis voraussichtlich Mitte 2020." Das alles treffe die Kirche hart, die ursprünglich einen Eigenanteil von 300.000 Euro eingeplant hatte. 450.000 Euro sollte die Landeskirche beisteuern. "Nun sind wir übereingekommen, dass beide Seiten sich die Mehrkosten teilen. Weitere 80.000 Euro für jeden." Wie aber finanzieren? Unklar, sagt Kapp. Spenden könnten da weiter helfen.

 

Verfasser: Braunschweiger Zeitung, Norbert Jonscher