Propstei Braunschweig
21.09.19

Kirchenräume zum Sprechen bringen

Werner Heinemann informiert Besucher in der Katharinenkirche über Kunststile, Kulturepochen und Baugeschichte

Ist es nicht schön, was es zu entdecken gibt? Mit einer Taschenlampe zeigt Kirchenführer Werner Heinemann auf Details des Epitaphs von Armgart von Bortfeld.

Leuchtende Glasfenster, reich verzierte Epithaphe, kunstvolle Schlusssteine, Kapitelle mit Löwen, Drachen, Blättern – wenn Werner Heinemann durch „seine Kirche“ geht, gibt es viel zu entdecken und viel zu erzählen. Heinemann ist Kirchenführer in St. Katharinen, einem Gotteshaus, das Anfang des 13. Jahrhunderts als romanische Kirche mit kleinen Fenstern und niedrigen Seitenschiffen errichtet wurde. Heute ist es eine helle, gotische Hallenkirche mit wunderschönen Glasfenstern. „Die Gebäude sind für die Ewigkeit gebaut, doch der Zeitgeschmack erfordert es, Dinge zu verändern“, erklärt Heinemann den Wandel.

Um Interessierte möglichst fachkundig über Kulturepochen und Kunststile, über charakteristische Merkmale von Architektur und Baugeschichte zu informieren, hat er zwei Jahre lang an einer Fortbildung der Landeskirche zum Kirchenführer teilgenommen, das Ziel: Kirchenräume zum Sprechen bringen. „Das war toll, davon habe ich stark profitiert“, sagt Heinemann. Erst nach Abschluss der Fortbildung habe er sich entschieden, seine Führungen der Katharinenkirche anzubieten, hier sei er schließlich einmal konfirmiert worden. Und er hat sich in die  Geschichte dieser Kirche vertieft, weiß viele Details, etwa über den Einfluss des Braunschweiger Stadtbaurats Ludwig Winter, die Zerstörungen im Oktober 1944, als eine Brandbombe den Dachstuhl der Kirche traf, die gefährdete Standsicherheit des Gebäudes oder die wundervoll leuchtenden Fenster im Altarraum. Diese hat der Künstler Gottfried von Stockhausen Ende der 1950-er Jahre in einer Technik gefertigt, die bereits in der Gotik verwendet wurde.
Besonders gern zeigt Heinemann Besuchern das Epitaph von Armgart von Bortfeld, einer wohlhabenden, alleinstehenden Frau, die 1586 starb, in der Katharinenkirche bestattet wurde und sich bereits zu Lebzeiten ein Grabdenkmal hat schaffen lassen. Heute steht das Epitaph an der Westseite der Kirche. „Ist es nicht schön, was es zu entdecken gibt?“, fragt der Kirchenführer und zeigt auf einen kleinen Beutel, den Armgart von Bortfeld trägt. Darin befindet sich ein Essbesteck aus Löffel und Messer, denn Gabeln, so weiß er, gab es damals noch nicht.
Ebenso faszinierend: die Schlusssteine, die die Gewölbe hoch über den Köpfen der Besucher halten und stets besonders aufwändig gestaltet sind. Mal ist es ein kleiner Christus, dann ein stark verziertes Blatt. Und manchmal gibt es Dinge zu entdecken, deren Aussage noch nicht entschlüsselt ist. Etwa die Säule mit einem kleinen Männchen mit Hut. Ist es eine groteske Darstellung der Steinmetze, eine sogenannte Drolêrie, soll das Männchen Unheil abwenden oder ist es gar eine antijüdische Spott-Darstellung? „Wenn ich das nur wüsste“, seufzt Heinemann. Und er wird sicher versuchen, auch dieses Geheimnis zu entwirren. 

Info
Auf Anfrage führt Werner Heinemann Gruppen oder Einzelpersonen gern kostenfrei durch die Katharinenkirche. Kontaktaufnahme über werner.heinemann(at)katharinenbraunschweig(~dot~)de

Wer sich für die Ausbildung zum Kirchenführer interessiert, kann sich an Pfarrerin Gabriele Geyer-Knüppel wenden, Telefon 0531-12167652.

 

 

Verfasser: Rosemarie Garbe