Propstei Braunschweig
19.10.19

Friedliche Revolution

Viele Jahrzehnte lang bin ich an der Ruine dieses Hauses vorbeigelaufen. Die Fensterscheiben waren zerschlagen, die Eingänge verbarrikadiert. Ringsherum Gras, Ödland, Trümmerteile. Man konnte noch die Spuren vom Brand sehen. Von damals, als die Lagerhalle nebenan angezündet wurde. Dort, wo jetzt das blau-gelbe Lidl-Logo leuchtet.
Als ich jung war kannte ich die Geschichte nicht. Oder ich wollte sie nicht kennen. Das war halt auch so ein Haus. Ein Stasi-Haus. Ein Steinwurf vom Haus meiner Familie entfernt.
In den letzten Jahren bemerkte ich Veränderungen. Die Fenster wurden neu gemacht, die Risse verschlossen. Langsam wurde aus der Ruine ein Haus. Aus dem Haus die Villa von einst. Villa Heike. 1911 gebaut. Maschinenfabrik. Untersuchungsgefängnis. Archiv für NS-Akten.
Fast 30 Jahre war die Villa Heike eine Ruine. Jetzt wurde sie als Künstleratelier neueröffnet. Ihr Äußeres bleibt unverändert – als Denkmal des letzten Jahrhunderts. Aber das Innere trägt nun den Hauch einer künstlerischen Freiheit. Eine Freiheit, die es so in der DDR nie gegeben hätte.
30 Jahre ist nun auch die friedliche Revolution her. Mit ihren Friedensgebeten hat auch die Kirche dazu beigetragen, dass die Deutsche Wiedervereinigung gelang.
Selbst nach 30 Jahren sind manche Risse noch zu sehen. Nur langsam wächst etwas Neues. Ich hoffe und bete, dass Gott die alten Wunden heilt: damit wir uns weiterhin für ein friedliches Miteinander einsetzen können, über alle Grenzen hinweg.

 

Verfasser: Pfarrerin Johanna Klee