Propstei Braunschweig
23.11.19

Ewigkeitssonntag

An diesem Sonntag werden in den Kirchen der Stadt wieder die Namen der Verstorbenen verlesen. Namen von denen, von denen die Gemeinden im vergangenen Kirchenjahr Abschied genommen haben. Einmal im Jahr ein Sonntag für die Toten. Manchmal sind es viele Namen und es dauert mehrere Minuten. Manche sind alt, manche jung gestorben. Dann bleiben oft Fragen: warum ist der denn so früh gestorben? Oder: hatte sie eine schwere Krankheit? In den großen Kirchen kennt man de, die da genannt werden, meist nicht. Aber das macht nichts.
Oft brennen vorn auf dem Altar Kerzen. Für jeden und jede Verstorbene eine Kerze. Auch bei uns in St. Andreas wird das so sein. Ein Licht wird für sie entzündet. Ein letztes Mal wird der Namen genannt. Dass alles soll dem Vergessen wehren. Es soll die Erinnerung wach halten. Es soll die Zuversicht wecken, dass die Wege unseres Lebens nicht an Gräbern enden.
Manche von denen, die hier genannt werden, haben keine sichtbare Grabstelle mehr. Anonym soll es sein. Die Form der Bestattung soll möglichst pflegefrei werden, das ist heute oft der Wunsch von Angehörigen. In Zeiten, wo Angehörige längst verstreut in allen Teilen des Landes leben und vielleicht selten zum Grab kommen können, mag das verständlich scheinen. Und dennoch: mit dem Verschwinden von Gräbern und Namen verschwindet auch ein Stück Stadtgeschichte oder Dorfgeschichte. Es tut gut, an einen letzten sichtbaren Ort gehen zu können. Es tut gut, Erinnerungen zuzulassen und vielleicht einen Moment in Stille zu verweilen. Friedhöfe sind Erinnerungsorte von Städten. Sie bewahren Namen und damit Geschichte und Geschichten.
Unsere Namen sind mehr als Schall und Rauch. Das ist die Verheißung unseres Glaubens: ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Die Grabsteine auf den Friedhöfen erinnern uns daran, dass wir nicht vergessen sind. Denn der Sonntag der Toten macht nicht bei den Tränen Halt. Er erinnert uns an den Gott, der uns auch im Tod noch hält.
 

Verfasser: Peter Kapp