Propstei Braunschweig
20.02.21

Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden

Wenn die Räder blockieren, kommt man ins Schleudern. Die Autoindustrie hat deshalb ein Antiblockiersystem (ABS) entwickelt. Das ist gut. Das rettet Leben.
Es gibt aber auch andere Blockadeerfahrungen, die wir machen. Wo sind da die Antiblockiersysteme? Was hilft, um Blockaden zu lösen?
Wenn ich eine Schreibblockade habe, dann gehe ich spazieren, nehme die Natur mit allen Sinnen wahr, lasse mich inspirieren. Wenn ich eine Denkblockade habe, versuche ich, auszuatmen und den Kopf frei zu kriegen. Es gilt, einen neuen, gedanklichen Raum zu schaffen, der noch offen ist, ohne Urteile und Vorurteile. Erst dann beginne ich, wirklich neu zu denken. Wenn uns ein Virus blockiert und das Leben lahmlegt oder zumindest das öffentliche Leben stark einschränkt... - Ja, was mache ich eigentlich dann?


Mit diesem Sonntag beginnt für Christen die Passions- und Fastenzeit. Das Motto, das die Evangelischen Kirchen für dieses Jahr gewählt haben, lautet: „Spielraum! Sieben Wochen ohne Blockaden.“


Was für eine steile Formulierung angesichts der gegenwärtigen Lage! Wo sind denn noch Spielräume? Es ist doch alles blockiert, lahmgelegt! Keine Theaterspiele, keine Konzerte, kein Einkaufsbummel, kein ... (Sie können die Aufzählung nach Belieben fortsetzen.)


Das sind die offensichtlichen Blockaden und Einschränkungen, die wir zurzeit erleben. Sie sind eine Herausforderung, weil sie letztlich nicht nur eine Unterbrechung unserer liebgewonnenen Gewohnheiten beinhalten, sondern weil an ihnen exemplarisch deutlich wird, wie unser Leben grundsätzlich begrenzt ist. Wir leben jeden Tag im Angesicht des Todes. Das ist die eigentliche Blockade, auf die alles unweigerlich hinausläuft. Die Zeit bis dahin ist der Spielraum, den wir haben. Umso ärgerlicher, wenn dieser dann auch noch beschnitten wird.


In der Bibel gibt es einen dem König David zugeschriebenen Satz: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Ps 31,9). Ein Satz wie ein Antiblockiersystem! Inmitten der Enge und Begrenztheit des Lebens wird in der persönlichen Anrede Gottes ein neuer, weiter Raum eröffnet. Ein Raum, der sich nach den Gesetzen der Welt nicht ermessen und auch nicht beweisen lässt. Wer diesen Satz nachspricht und verinnerlicht, wird dazu ermutigt schon im Hier und Jetzt die Weite der vorhandenen Räume zu entdecken und zu nutzen. In der derzeitigen Pandemielage geschieht das auf ganz vielfältige Weise.

So bin ich vor ein paar Tagen unter dem Stichwort „Sofakultur“ zu einem digitalen Konzert des Braunschweiger Liedermachers Martin Schultze eingeladen worden. Da ist inmitten der Pandemie ganz kreativ ein digitaler „Spielraum“ entdeckt und genutzt worden. Das tat richtig gut!
„Du stellst meine Füße auf weiten Raum“! – Dieser Satz kann mir Räume öffnen, die ich gar nicht für möglich erachtet hätte. Die christliche Passions- und Fastenzeit endet nicht mit Karfreitag, sondern mit dem Ostermorgen. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben!

 

 

Verfasser: Propst Lars Dedekind


Diese Pfarrer/innen schreiben in der Samstag-Ausgabe der Braunschweiger Zeitung das "Wort zum Sonntag"

Pfarrer Henning Böger, St. Magni
Propst Lars Dedekind
Pfarrerin Anne-Lisa Hein, Weststadt
Pfarrerin Johanna Klee, Theologisches Zentrum Braunschweig
Pfarrerin Sandra König, Martin Chemnitz
Pfarrer Friedhelm Meiners, St. Martini
Pfarrer Jens Paret, St. Johannes Hondelage
Pfarrer Jakob Timmermann, St. Michaelis
Pfarrerin Sabine Wittekopf, Bugenhagenkirche
Foto: Anne Hage