Propstei Braunschweig
06.03.21

Die Knotenlöserin

„Alle in der Stadt wissen es, alle in der Stadt spüren es: Jetzt ist es Zeit, jetzt ist es so weit. Denn wenn der Wind singend durch die Straßen weht und wenn der alte Hahn viereinhalbmal kräht - dann kommt sie!“ So beginnt Lena Raubaum ihre wunderbare Erzählung von der Knotenlöserin. Die kommt sanften Fußes und frohen Mutes daher, lässt sich am Brunnen nieder und nimmt sich geduldig Zeit für alles, was sie hört und sieht. Und dann bringen Jung und Alt, Mensch und Tier zu ihr, was gelöst werden soll: die arg verknoteten, verworrenen und verwickelten Dinge.

Das kleine Büchlein von Lena Raubaum ist eines für Menschenkinder aller Lebensalter. Denn es regt zum Nachdenken an: über die Knoten im eigenen Leben und die verschiedenen Möglichkeiten, diese zu lösen. Jede und jeder kennt sie: die Knoten im Hals, die uns die Luft rauben, so dass wir kaum sprechen können; die verworrenen Beziehungen, in die wir manchmal so tief verstrickt sind, dass wir selbst gar nicht mehr wissen, wo Anfang und Ende sind. Wie gut, wenn dann jemand kommt und hilft, das Wirrwarr wieder aufzulösen - mit Sanftmut, Zeit und viel Geduld.

Die Knotenlöserin weiß jedoch, dass es dafür kein Patentrezept gibt. Niemals löst sie alle Knoten, denn: „Manche Knoten müssen sein, manche Knoten sind nicht mein und manche lösen sich ganz von allein.“ Das ist für mich ein wichtiger Gedanke für die Passions- und Fastenzeit, die uns zum offenen und ehrlichen Blick auf unser Leben einlädt: Wo stehe ich und wo stecke ich bisweilen fest? Was ist so verstrickt in mir, dass es Lösung und Befreiung braucht?

Wer diesen Fragen im Glauben nachgeht, der landet nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei Gott. „Du, Gott, kennst mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es. Du verstehst meine Gedanken von ferne." Das sind alte Bibelworte aus dem 139. Psalm. Ich höre sie so: Gott ist wie einer, der alles von mir weiß, der das Wirrwarr meines Lebens kennt und trotzdem nicht irre an mir wird. Ich bin durchschaut, aber von einem, der mich liebt und löst.

Verfasser: Pfarrer Henning Böger


Diese Pfarrer/innen schreiben in der Samstag-Ausgabe der Braunschweiger Zeitung das "Wort zum Sonntag"

Pfarrer Henning Böger, St. Magni
Propst Lars Dedekind
Pfarrerin Anne-Lisa Hein, Weststadt
Pfarrerin Johanna Klee, Theologisches Zentrum Braunschweig
Pfarrerin Sandra König, Martin Chemnitz
Pfarrer Friedhelm Meiners, St. Martini
Pfarrer Jens Paret, St. Johannes Hondelage
Pfarrer Jakob Timmermann, St. Michaelis
Pfarrerin Sabine Wittekopf, Bugenhagenkirche
Foto: Anne Hage