Propstei Braunschweig
05.06.21

Acht Jahre alt und Lust auf Eis

Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Er sitzt aber im Rollstuhl, kann Arme und Beine nicht bewegen und nicht sprechen. Sein Kopf fällt immer leicht nach rechts. Muskeln sind keine da, aber große Lust auf Eis im ersten Sommersonnenschein. Darum sitzen die Eltern mit dem Jungen jetzt im Park. Auch die Oma ist dabei oder eine Freundin. Eine muntere Runde ist das. Und der Junge, vielleicht acht Jahre alt, ist in ihrer Mitte.

Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Und das bekommt er auch, wie alle anderen. Jeder hat einen Becher aus der Eisdiele in der Hand und löffelt. Mama und Oma reichen dem Jungen Löffel mit Eis, manchmal auch der Papa. Der Junge gibt Laute von sich. Es klingt vergnügt. Die Erwachsenen sind im Gespräch miteinander. Manchmal schauen sie zum Jungen im Rollstuhl. Ein neuer Löffel mit Eis. Und dann auch eine zweite Hand, die mit einem Läppchen vorsichtig über den Mund des Jungen wischt.

Zwischen den Löffeln mit Eis sorgt jemand auch für die Atemmaske des Jungen. Hinten am Rollstuhl ist eine Maschine angebracht, die beim Atmen hilft. Die Maske kommt kurz runter von Mund und Nase und ein neuer Löffel Eis. Dann muss die Maske wieder aufgesetzt werden. Eingespielt wirkt das. Alle legen Hand an; alle wissen, was zu tun ist. Sie sind da füreinander. Einfach so.

Acht Jahre alt und Lust auf Eis, das passt. Für einen allein wäre die Last zu groß mit dem Jungen und Eis und Rollstuhl und Atemmaschine. Aber miteinander geht es. Wenn man nicht viel sagen oder fragen muss, wenn alle wissen, was zu tun ist, und Hand anlegen. Sicher, die Last bleibt schwer. Jeden Morgen und Abend. Und jede Nacht. Aber niemand soll sie alleine tragen.

Oft verstehen wir das Leben nicht mit seinen Erfahrungen von Krankheit, Last und Leid, die so willkürlich verteilt erscheinen. Eigentlich kann man es nie verstehen! Aber das, was sich uns nicht erklärt, können wir gemeinsam tragen. Herz und Hand anlegen, wenn jemand Hilfe braucht. Oder Lust hat auf ein Eis. Dann sollen wir da sein. Einfach so.

Verfasser: Pfarrer Henning Böger


Diese Pfarrer/innen schreiben in der Samstag-Ausgabe der Braunschweiger Zeitung das "Wort zum Sonntag"

Pfarrer Henning Böger, St. Magni
Propst Lars Dedekind
Pfarrerin Anne-Lisa Hein, Weststadt
Pfarrerin Johanna Klee, Theologisches Zentrum Braunschweig
Pfarrerin Sandra König, Martin Chemnitz
Pfarrer Friedhelm Meiners, St. Martini
Pfarrer Jens Paret, St. Johannes Hondelage
Pfarrer Jakob Timmermann, St. Michaelis
Pfarrerin Sabine Wittekopf, Bugenhagenkirche
Foto: Anne Hage