Propstei Braunschweig
12.06.21

„Spieglein, Spieglein an der Wand“

„Warum läuft es bei den anderen besser als bei mir?“, kennen Sie diesen Gedanken? Es geht mir gut, ich könnte glücklich und zufrieden sein und doch fällt mein Blick auf das, was mein/e Freund/in, mein/e Nachbar/in, mein/e Kollegin hat. „Warum habe ich das nicht?“ „Warum bin ich nicht so beliebt oder so schön?“ Wir Menschen werden schnell neidisch. Warum fällt es uns oft so schwer, unser eigenes Glück zu genießen, ohne uns mit anderen zu vergleichen? „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, fragt die böse Stiefmutter im Märchen „Schneewittchen“. Neid kann das eigene Lebensglück vergiften. Natürlich wissen wir alle, das Neid keine gute Eigenschaft ist. Und die wenigsten würden offen zugeben, dass sie auf etwas neidisch sind. Aber doch gehört der Neid leider in unseren Alltag. Das fängt schon in der Kindheit an, wenn die Schwester oder der Bruder das größere Geschenk zu Weihnachten bekommt oder wenn die Freundin in der Kita mit den Bauklötzen spielt, die man selbst jetzt plötzlich am liebsten haben möchte. Die Bibel erzählt mehrere Geschwister-Geschichten von Neid und Eifersucht. Bei „Kain und Abel“, „Jakob und Esau“ und besonders bei „Joseph und seinen Brüdern“ (1. Mose 37-50) geht es um dieses negative Vergleichsdenken. Joseph wird von seinen Brüdern in einen Brunnen geworfen und landet als Sklave in Ägypten. Doch durch die Hilfe von Gott, kommt er aus seiner aussichtslosen Situation heraus und schließlich überwindet Joseph den Hass und versöhnt sich mit seinen Brüdern.
In den vergangenen Wochen habe ich oft darüber nachgedacht, wieso es uns oft so schwerfällt, anderen ihr Glück zu gönnen und wir uns ungerecht behandelt fühlen. „Die dürfen schon öffnen, wir aber noch nicht.“, „Die sind schon geimpft und ich stehe immer noch auf der Warteliste.“ Ja, die Welt ist nie ganz gerecht. In welches Land, in welches Milieu wurde ich hineingeboren? Was habe ich für Bildungsmöglichkeiten, was habe ich für körperliche Anlagen? Jede und jeder von uns ist verschieden und hat andere Voraussetzungen fürs Leben. Aber wenn ich immer nur, wie die böse Stiefmutter neidgrün in den Spiegel blicke, verpasse ich das Glück, dass direkt vor mir liegt. Ich danke Gott, dass wir jetzt „halbwegs normal“ in den Sommer starten können und versuche mich über das zu freuen, was mir in meinem Leben geschenkt ist, auch, wenn ich vielleicht nicht die „Schönste im ganzen Land bin“. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein schönes und gesegnetes Wochenende!
                                             

 

Verfasser: Pfarrerin Anne-Lisa Hein


Diese Pfarrer/innen schreiben in der Samstag-Ausgabe der Braunschweiger Zeitung das "Wort zum Sonntag"

Pfarrer Henning Böger, St. Magni
Propst Lars Dedekind
Pfarrerin Anne-Lisa Hein, Weststadt
Pfarrerin Johanna Klee, Theologisches Zentrum Braunschweig
Pfarrerin Sandra König, Martin Chemnitz
Pfarrer Friedhelm Meiners, St. Martini
Pfarrer Jens Paret, St. Johannes Hondelage
Pfarrer Jakob Timmermann, St. Michaelis
Pfarrerin Sabine Wittekopf, Bugenhagenkirche
Foto: Anne Hage